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Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft Band 64. Heft 1

Schwerpunktthema: Theoretische Philosophie und Ästhetik


Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft (ZÄK) 64/1. 2019. 160 Seiten.
978-3-7873-3709-5. Kartoniert
EUR 85,00


Mit Texten von Daniel Martin Feige, Christoph Demmerling, Andrea Kern, Georg W. Bertram, Matthias Vogel, Johannes Hees, Melis Avkiran, Hans Dickel u.v.a.


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Abstracts

Melis Avkiran: Diffusion – Disjunktion – Distanz. Zur ideengeschichtlichen Ausrichtung eines kulturmorphologischen Prinzips in Erwin Panofskys Renaissance and Renascences (1944)

Der vorliegende Beitrag setzt die Überlegungen eines Forschungsentwurfs fort, dessen erster Teil im Band 63/2 dieser Zeitschrift erschien. Die historische Formel des sog. ›Disjunktionsprinzps‹ entwickelt Panofsky u.a. in dem 1944 im Kenyon Review erschienenen Artikel Renaissance and Renascences. Die grundsätzliche Mobilität antiker Kulturelemente, die er seiner Formel zuschreibt, impliziert einen bei ihm bisher unbenannten kulturtheoretischen Zugang mit deutlicher Nähe zum ethnologischen Modell der Diffusion. Ausgehend davon entwirft Panofsky mittels einer kulturmorphologischen Vorgehensweise ein transepochales Modell kultureller Tradierung. Dies ermöglicht es ihm, seine Vorstellung einer hierarchischen Gliederung menschlicher (Kultur‑)Epochen am Beispiel der Antikenrezeption zu festigen. Um sich den kulturtheoretischen Implikationen in Panofskys Ausführungen zu nähern, sollen hier jene Stationen beleuchtet werden, die Panofskys intellektuellen Horizont möglicherweise mitgeformt haben – so z.B. die Prägung durch Aby Warburg, der seine Ausbildung in Bonn u.a. unter der Lehre Karl Lamprechts absolvierte. Zum anderen wird Panofskys Argumentation mit den Ideen deutscher Diffusionisten verglichen. Die vergleichende Methode offenbart nicht nur erstmalig deutliche Analogien, sondern zeigt, wie Panofsky mittels Antikenrezeption eine spezifische Vorstellung von der menschlichen Kulturgeschichte vorgibt.

The article continues the considerations of a research draft, the first part of which was published in volume 63/2 of this journal. Panofsky develops the historical formula of the socalled ›principle of disjunction‹ in the article ›Renaissance and Renascences‹ published in the Kenyon Review in 1944. The fundamental mobility of ancient cultural elements, which he ascribes to his formula, implies a previously unnamed cultural-theoretical approach with a clear proximity to the ethnological model of diffusion. On this basis, Panofsky uses a cultural morphological approach to design a transepochal model of cultural transmission. This enables him to consolidate the idea of a hierarchical structure of human (cultural) epochs using the example of the reception of antiquity. In order to approach the cultural-theoretical implications in Panofsky’s remarks, those stations that may have shaped Panofsky’s intellectual horizon will be examined – e.g. the influence of Aby Warburg, who completed his education in Bonn under the teachings of Karl Lamprecht, among others. On the other hand, Panofsky’s argumentation is compared with the ideas of German diffusionists. The comparative method not only reveals clear analogies for the first time, but also shows how Panofsky uses the reception of antiquity to provide a specific idea of human cultural history.

Georg W. Bertram: Sprachphilosophie und Ästhetik. Über künstlerischen Sprachgebrauch

Der Aufsatz verfolgt die Frage, welche Bedeutung Literatur im Sinne von künstlerischem Sprachgebrauch für Sprache überhaupt zukommt. Inwiefern ist für Sprache und sprachliches Verstehen künstlerischer Sprachgebrauch konstitutiv? Ich mache den Vorschlag, diese Frage durch die Unterscheidung von sprachlicher Artikulation (von Strukturen der Welt) und sprachlicher Explikation (der sprachlichen Thematisierung von Sprache) zu beantworten. Diese Unterscheidung versetzt uns in die Lage, die Irreduzibilität von Explikation für Sprache zu begreifen. Auf dieser Grundlage kann dann künstlerischer Sprachgebrauch als eine spezifische Form von Explikation verstanden werden, der eine besondere Relevanz für Sprache insgesamt zukommt. Diese besondere Relevanz lässt sich mit der These umreißen, dass literarische Texte eine Distanzierung von artikulativen Zusammenhängen in der Sprache eröffnen. So erweist sich Literatur als eine dem Medium der Sprache eingeschriebene Form der Freiheit.

The paper addresses the question of how to determine the significance of literature – i.e. the artistic use of language – for language. Is the artistic use of language constitutive for language and linguistic understanding more generally? I seek to answer these questions by, first, distinguishing between linguistic articulation (of structures in the world) and linguistic explication (understood as the linguistic thematization of language itself). This makes it possible to, second, view linguistic explication as an irreducible dimension of language. Against this background, we can conceive the artistic use of language as a specific type of explication that has genuine relevance for the use of language more generally, because literary texts enable us to distance ourselves from the structures of articulating language. In this sense, literature has to be understood as a means of realizing freedom that is inscribed into language as such.

Christoph Demmerling: Literarische Erkenntnis? Überlegungen zum Verhältnis von Ästhetik und Erkenntnistheorie

Anhand der Frage, ob fiktionale Texte Wissen enthalten können, erörtert der Beitrag das Verhältnis von Kunst und Erkenntnis bzw. Ästhetik und Erkenntnistheorie. Der erste Teil erinnert an die traditionelle Bestimmung der Ästhetik durch Baumgarten. Als Theorie der unteren Erkenntnisvermögen und als Theorie der schönen Künste werden der Ästhetik zwei Aufgaben zugemutet: eine Beschreibung der unteren Erkenntnisvermögen und deren Ausbildung und Verbesserung. Durch die Auseinandersetzung mit ästhetischen Objekten im weitesten Sinne können wir etwas lernen, indem die sinnlichen Vermögen auf besondere Weise involviert und als Fähigkeiten verfeinert werden. Der zweite Teil des Beitrags macht deutlich, dass die Lektüre fiktionaler Texte das Wahrnehmungsvermögen verfeinert, außerdem die Fähigkeiten der Aufmerksamkeit, Vorstellungskraft und Phantasie bildet. Der dritte Teil diskutiert den Begriff des nicht-propositionalen Wissens in seiner Relevanz für fiktionale Literatur und Erkenntnistheorie.

Guided by the question of whether fictional texts can contain knowledge, the article discusses the relationship between art and knowledge or aesthetics and epistemology. The first part recalls the traditional characterization of aesthetics by Baumgarten: as a theory of the lower cognitive faculties and as a theory of the fine arts, aesthetics is expected to perform two tasks. It has to describe the lower cognitive faculties and it has to train and to improve them. While engaging with aesthetic objects in the broadest sense, we can learn something by involving the sensual faculties in a special way and refining them as skills. The second part of the article argues that reading fictional texts improves the perceptive faculties, as well as the skills of attention and imagination. The third part discusses the notion of non-propositional knowledge and its relevance to fictional literature as well as epistemology.

Johannes Hees: Denken und Betrachten. Zur Proto-Ästhetik bei Gottfried Wilhelm Leibniz und Barthold Hinrich Brockes

Der Schulphilosoph Leibniz und der physikotheologische Dichter Brockes bilden eine historische Konstellation in der Frühaufklärung. Leibniz markiert eine Lücke in der rationalistischen Epistemologie: Er stößt in der Logik auf eine ästhetische Dimension der Erkenntnis, ohne dass er dabei die Ästhetik von der Logik trennt. Im Irdischen Vergnügen in Gott (1721-1748), dessen Zentrum die Wahrnehmung, Beobachtung und Beschreibung von Naturphänomenen bildet, inszeniert Brockes diese ästhetische Dimension der Erkenntnis. Die Gedichtsammlung entwickelt dabei eine Proto-Ästhetik in poetischer Form, deren Grundzüge in diesem Beitrag entwickelt werden sollen.

Leibniz, the rationalist philosopher, and Brockes, the poet inspired by physicotheology, form a historical constellation within the early German enlightenment. Leibniz points to a gap within rationalist epistemology: Within logic he encounters an aesthetic mode of cognition without separating logic from aesthetics. In his ›Irdisches Vergnügen in Gott‹ (1721-1748), the main theme of which is the observation and description of natural phenomena, Brockes performs the aesthetic mode of cognition in poetic form. Consequently, Brockes’ monumental anthology develops a prototype of aesthetic theory in poetic form which shall be outlined in this article.

Andrea Kern: Ästhetisches Selbstbewusstsein und Urteilsvermögen in Kants Analytik des Schönen

Gemäß der üblichen Auslegung besteht Kants maßgeblicher Beitrag zur Philosophie darin, eine Position entwickelt zu haben, die das Dilemma zwischen zwei gleichermaßen unbefriedigenden Konzeptionen unseres Urteilsvermögens überwindet: der empiristischen Konzeption, der zufolge der letzte Grund des Urteilens in Akten der Empfindung zu finden ist, und der rationalistischen Konzeption, der zufolge der letzte Grund in Erkenntnissen besteht. In meinem Text konzentriere ich mich auf Kants Analyse der Schönheitsurteile und argumentiere, dass Kant in seiner Analytik des Schönen nicht einfach ein anderes Verständnis vom Begriff der Schönheit entwickelt, sondern dass er eine andere Vorstellung davon hat, was es bedeutet, ein solches Verständnis zu haben. Kants sogenannter Mittelweg stellt die Annahme infrage, dass der Philosoph oder die Philosophin den Begriff der Schönheit von außerhalb desjenigen Selbstbewusstseins untersuchen kann, das derjenige hat, der kompetent über Schönheit urteilt. Nach dieser Lesart ist Kants Darstellung der Schönheitsurteile deswegen von besonderem Interesse für die Philosophie, weil Schönheitsurteile eine Form besitzen, die die Form jener philosophischen Urteile widerspiegelt, die diese Form artikulieren.

According to the standard interpretation, Kant’s major contribution to philosophy consists in his position that overcomes a dilemma between two equally dissatisfying positions on how we understand our capacity for judgments: the so-called empiricist position, according to which the ultimate ground for judgment is to be found in acts of sensibility, and the so-called rationalist position, according to which its ultimate ground is to be found in cognitions. In my paper I focus on Kant’s analysis of the judgment of beauty and argue that in his analysis of beauty Kant does not simply develop another understanding of the concept of beauty, but that his understanding of beauty manifests a different conception of ›what it means to have such an understanding‹ in the first place. Kant’s so-called middle course calls into question the assumption that the philosopher can investigate the concept of beauty from outside the self-consciousness that constitutes the capacity of his competent judgment of beauty. According to this reading, Kant’s account of judgments of beauty is of special interest to philosophy because they turn out to have a form that, in a certain respect, mirrors the form of philosophical judgments which attempt to articulate this form.

Matthias Vogel: Ästhetik und Philosophie des Geistes. Eine ganz vorläufige Idee

Ich versuche zu zeigen, dass sich der Prozess des ästhetischen Erfahrens als einer des verstehenden Nachvollzugs begreifen lässt, in dem wir die mit Erlebnisqualitäten verbundenen Wahrnehmungen (beispielsweise einer Melodie) auf einer grundlegenden Ebene mittels der Erlebnisqualitäten anderer Wahrnehmungen (beispielsweise einer Geste) strukturieren; und zwar so, dass wir den Gegenstand dieses Verstehens als eine Einheit erfassen. Es zeigt sich dabei zum einen, dass sich Verstehen nicht im begrifflichen Erfassen von Bedeutungen, Handlungen oder Ursache- Wirkungs-Relationen erschöpft; und zum anderen, dass uns in Gestalt des Nachvollziehens eine Form des Verstehens offensteht, der die Möglichkeit innewohnt, uns selbst und anderen Aspekte unseres subjektiven Erlebens (des Gegenstands) bewusst zu machen und begrifflich zu artikulieren. Die Philosophie des Geistes muss sich daher der Aufgabe stellen, das Verhältnis zwischen phänomenalen und intentionalen Aspekten unseres Geistes produktiver zu erläutern als bloß in Formeiner Disjunktion.

I will try to show that the process of making an aesthetic experience can be conceived as a process of understanding via re-enactment in which we structure the phenomenal qualities of perceptions (e.g. of a melody) at a fundamental level by means of the phenomenal qualities of other perceptions (e.g. of a gesture); and this in such a way that we grasp the object of this understanding as a unity. Thereby, it turns out that understanding is not restricted to conceptually grasping meanings, actions, or relations of cause and effect. Moreover, re-enactment shows itself as a form of understanding, which enables us to become aware of aspects of our subjective experience, to make others understand these aspects, and to articulate them conceptually. hilosophy of mind must therefore face the task of elucidating the relationship between phenomenal and intentional aspects of our mind in a more productive way than in the form of a mere disjunction.


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