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Zeitschrift für Kulturphilosophie 2013/1: Rhythmus und Moderne


Zeitschrift für Kulturphilosophie (ZKph) 2013/1. 2013. 224 Seiten.
2366-0759. eJournal (PDF)
DOI: https://doi.org/10.28937/ZKph-2013-1
EUR 44.00


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ABSTRACTS

Michael Neumann: »Einverseelung vorgeprägter Ausdruckswerte«. Rhythmus und Übertragung um 1900
Anhand einer Kontextualisierung der arbeitswissenschaftlichen Forschungen Karl Büchers untersucht der Aufsatz die Zusammenhänge zwischen anthropologischen Annahmen, theoretischen und methodischen Innovationen und der Reformulierung topischer Wissensbestände im Zeitraum der Jahrhundertwende. Im Zentrum der Untersuchung steht die Frage, auf welche Weise diese Zusammenhänge jeweils konstelliert werden und mit den Veränderungen historischer und kultureller Rahmenbedingungen interagieren. Als Resultat der Kontextualisierung arbeitswissenschaftlicher Problemstellungen zeigt sich, daß die Semantik des Rhythmus immer auch von dem Stellenwert abhängt, den Gesellschaften der sozialen Relevanz von Tanz und Spiel zugestehen.

Daniel Morat: Der Rhythmus der Großstadt um 1900
Im Großstadtdiskurs um 1900 spielte die Frage, ob das sensorische Regime der urbanen Moderne lediglich alte Lebensrhythmen auflösten oder auch neue hervorbrachte, eine zentrale Rolle. Der Essay verfolgt zwei unterschiedliche Antworten auf diese Frage einerseits in der Kultursoziologie Georg Simmels und andererseits in der Geräuschkunst des italienischen Futurismus und stellt sie einander gegenüber.
Florian Schneider Tropische Rhythmen. Gottfried Benns »Nachtcafé«, Berlin 1912
Der Beitrag erörtert anhand von Gottfried Benns Gedicht »Nachtcafé« aus dem Jahr 1912 die Möglichkeiten und Widerstände einer metaphorologischen Systematik im Sinne Hans Blumenbergs. Mit Roman Jakobson läßt sich Literaturgeschichte als Oszillation zwischen verschiedenen tropischen Verfassungen der Sprache auffassen, die Benns Gedicht nicht lediglich lesbar macht, sondern als historische darstellt und exponiert. Dadurch aber ist die Frage nach den tropischen Rhythmen der Moderne aufgeworfen.

Anja Schwarz: Im Maschinenraum der Zivilisation. Rhythmen in Joseph Conrads Heart of Darkness
Rhythmus figuriert in Joseph Conrads Heart of Darkness als wirkmächtige Sinneserfahrung, die Körper affiziert und auf diese Weise Gemeinsamkeiten zwischen Menschen und Maschinen oder aber Europäern und »Barbaren« herstellt. Er wird somit zu einem zentralen Ort der Aushandlung von Ängsten vor der Ansteckung durch das Fremde, wie sie für die britische Literatur zur Zeit der Jahrhundertwende typisch waren.
Georg Vasold Am Urgrund der Kunst. Rhythmus und Kunstwissenschaft, ca. 1921
Auf der Suche nach einer zeitgemäßen kunsthistorischen Terminologie entdeckten zu Beginn des 20. Jahrhunderts immer mehr Kunsthistoriker den Rhythmus.
Dieser stellte in Aussicht, den zunehmend fragwürdig gewordenen Stilbegriff zu ersetzen. An die Stelle der »ausdruckslosen formalistischen Stilgeschichte« (Julius von Schlosser) sollte eine Rhythmusforschung treten, die die Lebendigkeit des modernen Daseins mitdenkt. Der Rhythmus wurde dabei als Gestaltkategorie aufgefaßt, d.h. als ein anthropologisch fundiertes Gesetz, das alle menschlichen Tätigkeiten, und somit auch die Kunstproduktion, maßgeblich bestimmt.

Julia Wagner: »Summe der Schnappschüsse« und »Urtümliche Bindekräfte«. Ludwig Klages und Alexander Rodtschenko
Der Beitrag rekonstruiert zwei Positionen aus getrennten politischen Kontexten der Zwischenkriegszeit des letzten Jahrhunderts, um die Begriffe »Rhythmus« und »Takt« auf ihren immanenten Geschichtsbegriff zu befragen. In den Rhythmusbegriff, wie ihn der Kreis um Ludwig Klages auffaßte, schreibt sich das Konzept der langen Dauer ein, während in den Arbeiten des sowjetischen Künstlers Alexander Michailowitsch Rodtschenko der Takt die Geschichte gleichsam auslöscht.

Wolfgang Mende: Der »neue Mensch« im Taylor-Takt. Frühsowjetische Debatten über Rhythmus und Biopolitik
Der Beitrag fragt nach den Spezifika des Rhythmus-Diskurses in der frühen Sowjetunion unter dem Vorzeichen eines mechanistischen Menschenbilds. Rhythmus wurde vielfach nicht mehr als Reflex der »Natur« oder des »Lebens«, sondern als technisch regulierbare Größe gehandelt, die gleichwohl eine elementare Macht über den Menschen ausübt. Die tayloristische Arbeitsforschung und der davon inspirierte Konstruktivismus sahen in dieser Macht ein erstrangiges Mittel zur physischen Rekonstruktion des Menschen. Um 1930 verfielen solche Vorstellungen einer scharfen Kritik, wie an der Kampagne gegen den Foxtrott gezeigt wird.

Claudia Röser: Raumgewinn: Rhythmus und Raum in der Moderne. Rilkes Sonett »Atmen«
Die Analyse von R. M. Rilkes »Atmen« (Sonette an Orpheus) zeichnet einen Begriff von Rhythmus nach, der das Gedicht als exemplarischen Beitrag zur Rhythmusdebatte um 1900 lesbar macht. Das Sonett wird zum Ausgangspunkt von Überlegungen zur Logik von zeitgenössischen Rhythmuskonzepten: Indem das Gedicht genau die neuen Raummodelle aufruft, die Wissenschaften und Kunst der Jahrhundertwende entwerfen, läßt es einen modernen Rhythmusbegriff denkbar werden. Zugleich stellt das Sonett die zentrale Frage nach poetischer Repräsentation unter den Bedingungen jener rhythmischen Räume.

Hendrik Blumentrath: Musils Notizen. Rhythmus zwischen Formgebung und kinästhetischer Empfindung
Mit Fragen der Formgebung und Zeitorganisation einerseits, der Nähe von Rhythmus und Körper andererseits lassen sich zwei Schwerpunkte gegenwärtiger Debatten über rhythmische Phänomene ausmachen, deren Konstellierung auf die Umbrüche der Rhythmusdiskurse um 1900 zurückverweist. Der Beitrag diskutiert das Verhältnis der beiden Diskussionsstränge und dessen Rekonfiguration in Musils Überlegungen zum Rhythmus; im Zentrum stehen dabei Musils Notizen zu den Experimentaluntersuchungen Kurt Koffkas.