Fehler gefunden?
English Deutsch

ZMK Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung 2/2/2011: Medien des Rechts


Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung (ZMK) 2/2. 2013. 234 Seiten.
978-3-7873-2505-4. E-Book
EUR 19,99


Nutzungsrechte: Unbegrenzt im Webbrowser online lesen, unbegrenzt Texte herauskopieren, einmaliger Druck und Download (PDF) von je 50 Seiten, Volltext durchsuchen, Markieren, Notizen und Lesezeichen anlegen.

» Weitere Hinweise zum Erwerb und zur Nutzung von eBooks in der eLibrary.




Im Buch blättern
In Würdigung des Lebenswerks der Rechts- und Kulturtheoretikerin Cornelia Vismann widmet die Herbstausgabe 2011 der ZMK ihren Schwerpunkt den "Medien des Rechts". Gemeint sind damit solche Medien, durch die Recht und Rechtsprechung Informationen und Wissen speichern, verarbeiten und übertragen. Im Unterschied zu Fragen des Medienrechts geht es hierbei um die Auswirkungen von Medien auf die Konstitution und Evolution des Rechts.

David N. Rodowick: Of which we cannot speak ... – Philosophy and the humanities
Philosophie und Geisteswissenschaften finden in Bezug auf Theorie kaum eine gemeinsame Gesprächsgrundlage. Der Beitrag zeigt, dass der späte Wittgenstein ebenfalls »Theorie« hinterfragt, dies aber als eine Weise begreift, den Dialog zwischen Philosophie und Geisteswissenschaft wiederherzustellen. Wittgenstein zielt in seinen Philosophischen Untersuchungen nicht – wie in der Analytischen Philosophie üblich – auf Gewissheit, sondern sucht Wege, die Philosophie zu Fragen des menschlichen Verstehens und Interpretierens zurückzuführen.

Philosophy and the humanities have not found much common ground for conversation in theory. I argue that the late Wittgenstein also questions »theory« but as a way of restor¬ing a dialogue between philosophy and the humanities. Wittgenstein aimed his Philosoph¬ical Investigations not at the quest for certainty, so characteristic of the history of analytic philosophy, but rather at ways for returning philosophy to questions of human under-standing and interpretation through ethical questioning.

Patricia Pisters: The Neuro-Image – Alain Resnais’s Digital Cinema without the Digits
Der Beitrag schlägt vor, das Kino des digitalen Zeitalters als einen neuen Typus des Bildes zu lesen: als Neuro-Bild. Im Rückgriff auf Gilles Deleuzes Kino-Bücher sowie sein Werk Differenz und Wiederholung argumentiert der Beitrag, dass das Neuro-Bild in der Zukunft begründet sei. Abschließend wird das Kino von Alain Resnais als Neuro-Bild und digitales Kino avant la lettre vorgestellt.

This paper proposes to read cinema in the digital age as a new type of image, the neuro¬image. Going back to Gilles Deleuze’s cinema books and Difference and Repetition it is argued that the neuro-image is based in the future. The cinema of Alain Resnais is analyzed as a neuro-image and digital cinema avant-la-lettre.

Cornelia Vismann: Die Macht des Anfangs
Der Text skizziert eine kurze Theorie der Macht, die den Begriff aus der klassischen Engführung mit Herrschaft, Zwang und Gewalt entbindet und dessen Produktivität für Gesetzgebung und Rechtsprechung freilegt. Ausgehend von den Institutionen des Gaius, einem Lehrbuch aus dem 2. Jh., das im 6. Jh. als Vorlage für die Rechtskodifikation des Kaisers Justinian (corpus iuris civilis) diente, wird gezeigt, wie römische Institutionen die Rechtsförmigkeit unserer Rede von Personen, Dingen und Handlungen instituiert haben.

The paper outlines a brief theory of Power that frees the notion from its accustomed association with sovereignty, coercion and violence and uncovers its productivity for legislation and jurisdiction. Starting from Gaius’ Institutions, a legal textbook from the 2nd cen¬tury that served as a model for Emperor Jus¬tinian’s codification of law (corpus iuris civilis, 6th century), the paper shows how Roman institutions established the legal structure of speech referring to persons, objects and acions.

Pierre Legendre: Magistri Legis – Eine Studie zur dogmatischen Funktion im industriellen System
Der Beitrag reevaluiert die »dogmatische Funktion«, eine soziale Funktion, die mit biologischer und kultureller Reproduktion und folglich der Reproduktion des industriellen Systems zusammenhängt. Indem sie sich auf der Grenze zwischen Anthropologie und Rechtsgeschichte des Westens situiert, nimmt die Studie die psychoanalytische Frage nach der Rolle des Rechts im Verhalten des modernen Menschen erneut in den Blick.

This article reappraises the dogmatic function, a social function related to biological and cultural reproduction and consequently to the reproduction of the industrial system itself. On the borderline of anthropology and of the history of law – applied to the West – this study takes a new look at the question raised by psychoanalysis concerning the role of law in modern human behaviour.

Bruno Latour: Eine seltsame Form von Autonomie
Dieser Text beschreibt die besondere Existenzweise und Operationalität des Rechts, das nicht von externen sozialen Faktoren determiniert wird, dessen Autonomie aber auch nicht die eines Subsystems ist. Was es in seiner absichtsvollen Oberflächlichkeit leisten kann, ist eine besondere Form der Verbindung: Seine Enunziationsform verknüpft alle Äußerungen und Handlungen so, dass sie eindeutig einem Sprechenden und Handelnden zugeordnet werden können: Dies ist der ununterbrochene Faden, mit dem es Menschen, Güter, Orte, Zeit, Beschlüsse etc. zusammenhält.

The text describes the specific mode of existence and operation of Law, which is not determined by external social factors, nor is its autonomy that of a subsystem. Its deliberate super ciality achieves a particular form of cohesion: Its form of enunciation connects utterances and actions in such a way that they can be assigned unambiguously to a single speaker and actor. This is the undisrupted thread which binds men, goods, locations, time, resolutions, etc.

Michael Niehaus: Epochen des Protokolls
Der Beginn der Epoche des Protokolls lässt sich auf das Ende der Römischen Republik datieren, sein eigentlicher Einsatz als Medium des Rechts beginnt mit der Einführung des schriftlichen Inquisitionsverfahrens im 13. Jh. Der Grundsatz der Wahrheitsermittlung von Amts wegen erfordert seiner Logik nach die Verschriftlichung eines Datenüberschusses, in der das Subjekt zum Objekt des Protokolls wird. Zugleich erweist sich das Protokoll als rechtlich nicht normierbare Grauzone, weil es keine klare Aufschreibregel geben kann, was ins Protokoll gehört und was nicht.

The age of the transcript begins with the end of the Roman republic; its actual adoption as medium of Law begins with the introduction of written inquisitional procedure in the 13th century. The establishment of truth ex officio as a legal principle necessitates the transcription of an excess of data, in which the subject becomes the record’s object. At the same time, the transcript turns out to be a grey area, which cannot be legally standardized, because no rule can ultimately define what belongs to the record and what doesn’t.

Fabian Steinhauer: Medienverfassung
Zur Zeit der Weimarer Republik entstehen die ersten Medienverfassungen, die nicht auf genuine Rechtstechniken oder Medientechniken reduziert werden können, sondern sich auf die Kontur von (juristischen) Personen und (politischen) Körpern auswirken und den Bestand der Rechtstexte insgesamt verändern. Anhand einer Lektüre von Texten Aby Warburgs und Carl Schmitts untersucht der Aufsatz, wie man Medienverfassungen einrichten kann.

At the times of the Weimar Republic, the first »medial constitutions« come into being. As »medial constitutions«, they cannot be reduced to genuine techniques neither of Law nor of mediums, but shape the contours of (legal) persons and (political) bodies and gen¬erally modify the corpus of legal texts. Read¬ing texts by Aby Warburg and Carl Schmitt, the paper examines the way in which »medial constitutions« can be established.

Eyal Weizman: Forensische Architektur
Entlang zweier ineinander verschränkter Erzählungen – einer epistemischen Verschiebung im Internationalen Recht, in der die Bedeutung forensischer Praktiken schrittweise auf Kosten derjenigen menschlicher Zeugen zugenommen hat, und der Karriere des »Kampfschadengutachters« Marc Garlasco – wird die Entstehung einer analytischen Methode zur Untersuchung von Gewaltereignissen, wie sie sich in räumliche Artefakte und gebaute Umgebungen einschreiben, und deren Rolle in der Untersuchung von Kriegsverbrechen verfolgt.

Moving along two intertwining narrations – the epistemic shift in International Law to¬wards an emphasis on forensic practices to the detriment of human witnesses and the career of »battle damage assessor« Marc Garlasco – the paper follows the development of an analytical method to examine events of violence that inscribe themselves in spatial artifacts and constructed environments, and outlines the method’s role in the investigation of war crimes.

Johanna Bergann: Legitimation durch Kompromiss. Richten als Vermitteln in der Güteverhandlung
Im Mittelpunkt des Beitrags steht das alternative Konfliktlösungsverfahren der Mediation
oder Vermittlung. Rechtliche Normen und Institute der Vermittlung, wie der juridische Vergleich oder das Güteverfahren, sollen mit der literarischen Figur der Richter-Mediatorin, namentlich Athene aus der Orestie des Aischylos, in einer doppelbezüglichen Perspektive auf Recht und Literatur verknüpft werden. Die Techniken der Vermittlung werden untersucht, um den Zusammenhang zwischen Recht und Vermittlung zu erhellen, der in einem nicht risikolosen Alternativverhältnis besteht.

The contribution focuses upon mediation as an alternative means to resolve conflicts. Considering the interdependence between law and literature, it relates legal norms and institutions of mediation, e. g. amicable settlements or conciliatory proceedings, to the literary figure of the female judge and mediator, especially Athena in Aeschylus’s Oresteia. It examines the techniques of mediation in order to clarify the relation between law and mediation, a relation of alternatives which is not risk-free.

Christoph Engemann: Im Namen des Staates – Der elektronische Personalausweis und die Medien der Regierungskunst
Transaktionen sind Übertragungsgeschehen, die in modernen Gesellschaften zentralen Stellenwert haben und im besonderen Maße mit Beglaubigungs- und Autorisierungspraxen verbunden sind. Um Transaktionen vorzunehmen, müssen die Transaktionsinstanzen mit besonders autorisierten Zeichen versehen werden, deren Ausgabe historisch von der Staatlichkeit monopolisiert worden ist. Der von der Bundesdruckerei produzierte elektronische Personalausweis ist der Versuch, für den digitalen Raum entsprechende Zeichenregime zu schaffen. Damit nimmt diese Institution für das Regieren in und mit dem Internet eine wichtige Position ein, anhand derer sich wesentliche Aspekte einer digitalen Gouvernemedialität aufzeigen lassen.

In modern societies, transactions are highly significant events of transmission, connected to praxis of authentification and authorization. In order to carry out transactions, the instances of transaction have to be provided with especially authorized signs, the issuing of which has been monopolized by the State. The electronic ID-card produced by the Federal Printing Office can be considered as an attempt to create corresponding regimes of signification for the digital sphere. This institution thus occupies an important position for governing in and with the Internet; hence, its examination can point out essential aspects of digital governmediality.