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ZMK Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung 2/1/2011: Offene Objekte


Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung (ZMK) 2/1. 2013. 207 Seiten.
978-3-7873-2504-7. E-Book
EUR 19,99


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Abstracts

Friedrich Balke: Schriftkörper und Leseübung: Nietzsche als Stichwortgeber der Medien- und Kulturwissenschaft
Als Philologe und Philosoph ebnet Nietzsche einer Konzeption der Ein-Schreibungen und ihrer Oberflächen, der Zeichenketten und ihrer Manipulationen den Weg, ohne die
die gegenwärtigen Forschungen zu den medialen Gesten, Techniken und Dispositiven des Schreibens und Lesens nicht vorstellbar wären. Der Beitrag zeigt, dass und warum Nietzsches eigene Lese- und Schreibpraxis die Notationspraxis antiker hypomnemata erneuert: Aphorismen und Fragmente sammeln und ordnen das andernorts Gelesene und Gedachte, nicht um es kulturgeschichtlich in den Zeitraum seiner Entstehung einzuschlie¬ßen oder es zum Gegenstand der Exegese zu machen, sondern um seine Reaktivierbarkeit in diskursiven Praktiken zu erproben, die das Subjekt an eine bestimmte Wahrheit binden.

As philologist and philosopher, Nietzsche paves the way for an understanding of inscriptions and their surfaces, of character strings and their manipulations, without which contemporary research on medial gestures, techniques and dispositives of writing and reading would not be conceivable. The paper shows that and why Nietzsche’s own reading and writing revives the practice of ancient hypomnemata: his aphorisms and fragments collect and organize what Nietzsche read and thought, not in order to confine it to the timeframe of its genesis nor to make it an object of exegesis, but to test its potential of being reactivated in discursive practices that bind the subject to a certain truth.

Claus Pias: On the Epistemology of Computer Simulation
Der Aufsatz plädiert dafür, die Geschichte der wissenschaftlichen Computersimulation auf eine spezifisch medienhistorische Weise zu untersuchen. Nach einigen Vorschlägen zur Charakterisierung der Besonderheiten von Computersimulationen werden zwei Beispiele interpretiert (Management-Simulationen der 1960er und verkehrstechnische bzw. epidemiologische Simulationen der 1990er). Daraus leiten sich Fragen nach dem veränderten Status wissenschaftlichen Wissens, nach der Genese wissenschaftstheoretischer Konzepte und nach wissenschaftskritischen Optionen ab.

The paper suggests to analyze the history of scientific computer simulations with respect to the history of media. After presenting some ideas concerning the peculiarities of computer simulation, two examples (management simulations of the 1960s; traffic-related and epistemological simulations of the 1990s) are interpreted. From them, further questions concerning the status of scientific knowledge, the genesis of epistemological concepts and their critique are derived.

Eric Alliez: Der Guattari-Deleuze-Effekt
Statt von einem Guattari-Effekt auf Deleuze muss man von einem Guattari-Deleuze-Effekt sprechen, um ein wechselseitiges Einwirken in einem gemeinsamen Projekt zu beschreiben, das mit dem Herausgehen aus der klassischen Psychoanalyse beginnt und in den Umbau der Philosophie in der Öffnung auf ihr Außen mündet. Dieser Umbau lässt das Paradigma der Interpretation ebenso hinter sich wie jenes der Struktur. In der Kritik an Lacan vollziehen Deleuze und Guattari die Abkehr vom Postulat des Primats der Sprache als Struktur und eines durch sie immer schon konstituierten und vom Realen ebenso wie von kollektiven Individuationsprozessen abgeschnittenen Subjekts. Die heterogenen Ausdrucksmaterien Hjelmslevs, die das Aufbrechen der Opposition von Sprachzeichen und Materie ermöglichen sowie die Konzepte der Wunschmaschine und mehr noch des Gefüges eröffnen den Weg hin zu einem Politisch-Werden der Philosophie als Wiederaneignung der Produktionsmittel kollektiver Subjektivität.

In order to understand the collaborators’ mutual impact in a joint project that began with Deleuze and Guattari’s transgression of classical psychoanalysis and advanced to their complete remodeling of philosophy, the no¬tion of a »Guattari-Deleuze-effect« is more adequate than the presumption an unilateral »Guattari-effect« upon Deleuze. Furthermore, Deleuze’s and Guattari’s concerted efforts leave the paradigms of »interpretation« and »structure« behind; in their critique of Lacan, Deleuze and Guattari turn away from the primate of language as structure and the pos¬tulate of an always already constituted subject that is cut off both from the real and
from collective processes of individuation. Finally, the concept of a heterogeneous »matter of expression,« which, borrowed from Hjelmslev, allows opening up the opposition between linguistic sign and matter, as well as the concepts of »desiring-machine« and »assemblage«, clear the way towards a becoming political of philosophy, understood as reappropriation of collective subjectivity’s means of production.

Antoine Hennion: Offene Objekte, Offene Subjekte. Körper und Dinge im Geflecht von Anhänglichkeit, Zuneigung und Verbundenheit
»Anhänglichkeiten« gehören nicht zum Vokabular der Handlungstheorie. Sie sind zugleich unbestimmte und fesselnde Fäden in Bünden, die alle irgendetwas bewirken, aber als einzelne nicht selbstgenügsam, nicht unabhängig sind. Anstatt eindeutig zwischen bestimmenden und abhängigen Dingen zu unterscheiden, geht der Beitrag zu einer weniger scharfen, aber unendlich produktiveren Ansatz über, der bestimmende Handlungen als ein in Netzwerken disseminiertes faire faire ([jemanden etwas] tun machen) auffasst. Wesentlich wäre dann nicht, sich von »Anhänglichkeiten« zu befreien, sondern die guten von den schlechten zu trennen, nicht indem man auf großartige Prinzipien zurückgreift, sondern indem man sich der immanenten Gerechtigkeit der Dinge überlässt. Aber wie wäre die Qualität einer »Anhänglichkeit« zu beurteilen? Der Beitrag sucht anhand von Beispielfällen von Sportlern, Drogensüchtigen und Musikliebhabern eine Art »anhänglicher« Moral zu entwickeln, die aus dem Gewebe unhintergehbarer Bindungen gemacht wäre.

»Attachments« do not belong to the vocabulary of action. Incommensurable and situational, they are at once constraining and indeterminate, deployed in bonds that all do something, but among which none is independent for itself. Instead of distinguishing clearly between dependent and determining things, the paper passes to a less trenchant but infinitely more productive approach to distributed action, conceived as a faire faire (make [someone] do [something]) disseminated in networks. The essential, then, is not to liberate oneself from the attachments, but to sort the good ones from the bad, by leaning not on grand overarching principles but on the immanent justice in things. But how can we judge the quality of an »attachment«? Drawing on cases of sportsmen, drug addicts, and music lovers, this contribution aims to clarify what an »attached« morality could look like, a morality which would be made of the fabric of uncircumventable ties.

Peter Geimer: Vorhang, Lampe, Sessel, Uhr. Auf der Suche nach den Dingen der Recherche
Das 1999 veröffentlichte Proust-Lexikon von Philippe Michel-Thiriet umfasst neben zahlreichen biographischen Daten ein »Lexikon der Personen in der Recherche« sowie ein »Lexikon der Orte der Recherche«. Es gibt jedoch kein Lexikon der Dinge der Recherche: kein Verzeichnis der Möbel im Salon von Madame Verdurin, keine Notiz zur »Feindseligkeit der violetten Vorhänge« im Hotel in Balbec, zum vergessenen Fächer der Königin von Neapel oder der Hängelampe im Esszimmer von Combray. Gehören diese Dinge demnach nicht dazu? Handelt es sich um Uneigentliches, um Beiwerk oder Requisiten? Oder sind diese Objekte im Ordnungssystem eines Lexikons einfach nicht adressierbar? Aber warum? Der Beitrag geht diesen Fragen nach und versucht, den Gegenständen in À la recherche du temps perdu die gleiche Aufmerksamkeit zu schenken, die in der Regel nur den handelnden Charakteren des Romans gewidmet wird. Zugleich geht es um die Hinterlassenschaften von Prousts Existenz, die gelegentlich mit Dingen im Roman identifiziert wurden. Aber wie kann ein reales Ding in einen Roman eingehen? Und findet es jemals wieder heraus?

Philippe Michel-Thiriet’s Proust Lexicon, published in 1999, contains beside biographical data a »lexicon of characters« and a »lexicon of places in the Recherche.« There is, however, no »lexicon of objects:« No directory of the furniture in the parlor of Madame Verdurin, no comment on the »enmity of the violet curtains« in the Hotel of Balbec, the Queen of Naple’s forgotten fan or the hanging lamp in the dining room in Combray. Are these objects thus not part of the novel? Are they mere accessories and requisites? Or are they simply not classifiable in the systematic categories of a lexicon? But why? The paper addresses these questions and tries to give the objects in À la recherche du temps perdu the attention that usually only the novel’s pro¬tagonists receive. At the same time, it deals with the legacies of Proust’s existence that are occasionally identified with the objects in the novel. But how can a real object enter a novel? And does it ever find its way back out?

Anke te Heesen: Objet sentimental
Mit Carlo Ginzburgs Einführung des Begriffs Spurensicherung für das Arbeiten des Historikers im Jahr 1979 bildet sich eine neue kulturwissenschaftliche Perspektive. Daniel Spoerri und Marie Louise von Plessen initiieren in Köln das zweite Musée Sentimental, eine Ausstellung, die sich auf die Rekonstruktion vergangener Geschichten anhand von angeordneten Objekten stützt. Der Artikel richtet sein Augenmerk auf eine Ausstellungspraxis, die sich der Kulturtechnik des Spurenlesens verschreibt und aus der Hervorhebung des Alltäglichen erzeugt wird.

The year 1979 marks a turning point for cultural studies: Carlo Ginzburg introduces the term »securing of traces« to historiography. In Cologne, Daniel Spoerri und Marie Louise von Plessen initiate the second Musée Sentimental, an exposition that explores the reconstruction of past stories via arranged objects. The paper focuses on an exhibition strategy that dedicates itself to the cultural technique of »reading traces«, produced by an emphasis on the trivialities of everyday.

Stefan Höhne: Tokens, Suckers und der »Great New York Token War«
Sowohl in den antiken Mythen des Übergangs der Toten in den Hades wie auch in der New Yorker Subway sind es kleine münzartige Artefakte, welche transitorische Praktiken und Subjekte entscheidend formen. Die zahlreichen Konflikte und Subversionen um diese Objekte offenbaren ihre Offenheit als konfiguriert durch die Gefüge, in denen sie sich bewegen. Versteht man also, was Gefüge sind und welche Wirkungen sie entfalten, erlaubt dies, die soziale Wirkmächtigkeit von Artefakten besser zu verstehen.

Both in ancient myths about the passage of the dead to Hades and in the New York subway, small coin-like artifacts shape decisively transitory practices and subjects alike. The numerous conflicts and subversions surrounding these objects reveal their openness as configured by the assemblages in which they develop. Thus, understanding what assemblages are and what effects they produce, one might understand the social effectiveness of artifacts more clearly.

Ute Holl: Klang-Objekte zwischen Ding und Kreatur. Noten zum Eselsschrei in Robert Bressons Au hasard Balthazar
Der Ruf des Esels als offenes Klangobjekt in Robert Bressons Film Au hazard Balthazar (F 1966), der die Bild-Montage insistierend stört, wird in diesem Beitrag in den Kontext der Bioakustik gestellt. Am JA des Esels differenzieren sich Geräusche medial so aus, dass die Grenze zwischen Ding und Kreatur
durchlässig wird. Bressons Passion erweist sich damit als Experiment, die akustischen Kanäle der Kommunikation als Transformatoren von Lebewesen, Räumen und jener Übertragung wahrzunehmen, die kybernetisch informierten Tierforschern Sprache heißt.

The paper presents the donkey’s bray in Robert Bresson’s film Au hasard Balthazar (F 1966) that disturbs the montage insistently as an open sound object and puts it in the context of bioacoustics. The donkey’s hee-haw diversifies noise in such a way that the borderline between object and creature becomes permeable. Bresson’s passion proves to be an experiment to perceive the acoustic channels of communication as transformers of animals, spaces and that kind of transmission that researchers informed by cybernetics call »language«.

Katrin Pahl: Doublings and Couplings. The Feeling Thing in Valéry and Kleist
Das Studium von Valérys Metalepsis und Kleists hybrider Ästhetik führt den Beitrag zu einer Untersuchung von Gefühlen als »offene Objekte«. Anhand von Dopplungen und Paarungen präsentiert Kleists Theater Emotio¬nalität als »Dinggefühl« im Doppelsinn von »das fühlende Ding« (z. B. ein menschlicher Körper) und »das Gefühl als Ding« (z. B. ein Dolch): als ein offenes, komplexes und dynamisches Gefüge von menschlichen und paramenschlichen Aktanten, die auf ihre Unstimmigkeit mit sich selbst reagieren.

Via an analysis of Valéry’s metalepsis and Kleist’s hybrid aesthetics, this essay offers an account of feelings as ›open objects‹. Through doublings and couplings, Kleist’s theater presents emotionality as ›the feeling thing‹
in the double sense of the thing that feels (a human body, for example) and the thing that feeling is (a dagger, for example): as an open, complex, and dynamic assemblage of human and para-human actants that responds to its incongruence with itself.

Uwe C. Steiner: Actio, Narratio und das Gesicht der Dinge
Am Beispiel des Krugs und anderen, wandernden und tückischen Objekten der Literaturgeschichte soll die wechselseitige Voraussetzung von Offen- und Geschlossenheit in eine Konfiguration von Handlungstheorie, Figurationstheorie und Narratologie übersetzt werden. Die dabei verfolgte Frage lautet: Wie literarisch handeln offene Objekte? Nach Luhmann und Latour lässt sich das Handeln an Konzepte der Beschreibung koppeln: Sei es, dass sich Kommunikation zur Handlung simplifiziert und erst so einem Akteur zugerechnet werden kann, oder sei es, dass zeichenhafte Referenz, Zuschreibung und Protokollierung maßgebliche Stränge in dem Aktionszusammenhang menschlicher und nichtmenschlicher Wesen ausmachen. Solche Übersetzungen zwischen Erzählungen und Handlungen verfolgt dieser Beitrag anhand ausgewählter Beispiele aus der Literaturgeschichte.

Working with the example of the jar and other, wandering and deceitful objects of literary history, this paper tries to translate the reciprocal presupposition of openness and closure to a configuration of theory of action, figuration and narration. It thus deals with the question, how literarily open objects act. According to Luhmann and Latour, action can be connected to concepts of description:
Be it that communication is reduced to action and only thus attributable to an agent, or that symbolic reference, attribution and recording account for significant strands in human and non-human contexts of action. Drawing upon selected examples from literary history, the paper pursuits such translations of narration into action and vice versa.

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