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Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft Band 63. Heft 2


Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft (ZÄK) 63/2. 2018. 161 Seiten (S. 181-341).
0044-2186. Kartoniert
EUR 85,00


Mit Beiträgen von Carolin Rocks, Christian Jany, Judith-Frederike Popp, Dominique Laleg, Melis Avkiran, Dirk Westerkamp, Jakob Steinbrenner und Heiko Christians.


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Abstracts

Melis Avkiran: Diffusion – Disjunktion – Distanz.Erwin Panofskys kulturmorphologische Grundierung oder Nachdenken über Renaissanceand Renascences (1944)

Der vorliegende Beitrag skizziert den ersten Teil eines Forschungsentwurfs, in dessenZentrum Erwin Panofskys Artikel Renaissance and Renascences aus dem Jahr 1944steht. Die Analyse des Textes fokussiert Panofskys historische Formel des sog. ›Disjunktionsprinzips‹zur Antikenrezeption und beleuchtet das inliegende Verständniskultureller Prozesse und Zusammenhänge. Der Blick wird auf die kulturtheoretischenImplikationen gelenkt, die in Panofskys Formel enthalten sind. Diese impliziertnämlich eine grundsätzliche Mobilität antiker Kulturelemente. Mit Nähezum ethnologischen Modell der Diffusion wird ein kulturtheoretischer Zugangzu Panofskys Arbeit ermöglicht, der bisher ebenso wenig beachtet wie ideengeschichtlichkontextualisiert wurde. Dabei wird deutlich, dass kulturelle Tradierungsich anhand diffusionistischer Erklärungsmuster mit dem Ziel formiert, einehierarchische Ordnung europäischer (Kultur-)Epochen am Beispiel der Antikenrezeptionzu postulieren. Der Ansatz zeigt das Potenzial, welches sich im Vergleichdominanter Strömungen der deutschen Ethnologie und der Kunstgeschichte imfrühen 20. Jahrhundert verbirgt.

This article sketches the first part of a research project centred on Erwin Panofsky’s article»Renaissance and Renascences« from 1944. The analysis of the text focuses on Panofsky’shistorical formula of the so-called ›principle of disjunction‹ for the reception of antiquity andsheds light on the internal understanding of cultural processes and contexts. The view is directedto the cultural-theoretical implications contained in Panofsky’s formula. This implies afundamental mobility of classical cultural elements. The proximity to the ethnological modelof diffusion enables a cultural-theoretical approach to Panofsky’s work that has so far beenignored, nor has it been contextualized in terms of a history of ideas. It becomes clear thatcultural tradition is formed on the basis of diffusionist explanatory patterns with the aim ofpostulating a hierarchical order of European (cultural) epochs using the example of the receptionof antiquity. The approach shows the potential hidden in the comparison of dominantcurrents in German ethnology and art history in the early 20th century.

Heiko Christians: Das Groschenheft als Bildungsfaktor oder die Zähmung der EinbildungskraftErnst Jüngers Roman Die Zwille von 1973 wiedergelesen

Ernst Jüngers Roman Die Zwille von 1973 wird als Glied einer Kette von BildungsromanenJüngers gelesen. Die Zwille gibt gattungstypisch präzise Auskunft überden historischen und systematischen Ort des ›bildenden‹ Lesens. Der Roman zeigt,wie unterhaltsamer Stoffkonsum, deep reading und repetitive Auswendigkeitslektüreentstehungsgeschichtlich gelagert sind. Er zeigt aber auch, wie diese Techniken vonjedem und jeder Einzelnen eingeübt werden müssen, um eines Tages so zusammenspielenzu können, dass im Bildungsprozess eine ebenso haltbare wie gehaltvolleVorstellung von der eigenen Person erlangt werden kann. Schließlich wirddeutlich, dass dabei verschiedene Einfühlungskapazitäten verschiedener Medientechnikeneine große Rolle spielen. Die Einbildungskraft wird periodisch technischneu organisiert. Da von hier aus die ›gesellschaftlich‹ entscheidenden mimetischenSchleifen in Gang gesetzt werden, lohnt sich die Beobachtung (mit Jünger).

Ernst Jünger’s 1973 novel »Die Zwille« (»The Slingshot«) is read as a link in a chain of›Bildungsromane‹ by Jünger. In a manner typical of that genre, »Die Zwille« provides exactinformation on the historical and systematic place of ›educative‹ (›bildend‹) reading. The novelshows how the consumption of reading matter for entertainment, deep reading, and repetitivereading by rote are embedded in the history of its development. However, it also showshow these techniques must be rehearsed by each individual if they are one day to interplay insuch a manner in the course of the process of ›Bildung‹ as to allow for a solid and substantivenotion of the self to be attained. Finally, it becomes apparent that the varying capacities forsensitivity and intuition (›Einfühlung‹) of various media techniques have a great part to playin this process. The imagination is periodically reorganized by technical means. Since this iswhere the ›socially‹ decisive mimetic loops are set into action, it is worthwhile to join Jüngerin this exercise in observation.

Christian Jany: Zeit und Nichtigkeit (Kant, Hegel, Novalis)

Den Ausgangspunkt dieses Essays bildet die bereits von Augustinus vertretene Auffassung,dass die Zeit nichtig sei, also weder Gestalt noch Wesen an sich besitze.Kant, Hegel und Novalis teilen diese negative Zeitauffassung, gehen aber unterschiedlichdamit um: Kant mobilisiert den »Schematismus des Verstandes«, umdie formlose Form der Zeit zu bestimmen. Hegel macht aus der Not eine Tugendund erklärt die Vollzugsform der Zeit – Negation – zum Inbegriff aller Dinge,die erst im begrifflichen Wissen zur Ruhe kommt. Novalis schließlich leitet ausder ursprünglichen Unförmigkeit der Zeit den schönen Auftrag ab, sie sei mit denMitteln der Poesie zu bilden und geschichtlich zu gestalten. Von Bergsons Begriffder Dauer ausgehend, werfe ich abschließend die Frage auf, ob letztlich nicht jedePoetik der Zeit von ihrer Nichtigkeit ausgeht. Den theoretischen Horizont desGanzen bilden aktuelle Debatten über die Zeitlichkeit ästhetischer Formen unddie ästhetische Formung der Zeit gleichermaßen.

The belief that time has neither form nor substance and is therefore nothing in itself is the startingpoint of this essay. Kant, Hegel, and Novalis share this negative concept of time, thoughthey each approach it differently. Kant mobilizes the »schematism of the understanding« inorder to positively define the formless form of time. Hegel turns the problem upside down byidentifying negation with the process of time, which cannot rest until it has become conceptualknowledge. Novalis infers an aesthetic task from the shapelessness of time, namely, the task ofshaping time through poetic storytelling. Interrogating Bergson’s positive concept of time, andwith reference to current discussions on the temporality of aesthetic forms, I finally examinewhether a poetics of time generally presupposes a negative concept of time.

Dominique Laleg: Was (wenn überhaupt etwas) ist falsch an der Perspektive?

Ausgehend von Erwin Panofskys Aufsatz Die Perspektive als ›symbolische Form‹ rekonstruiertder Beitrag, wie die moderne Kritik der Perspektive einer perspektivischenLogik verpflichtet bleibt. Auf der Basis eines differenzierten Begriffs von»Kritik« lassen sich dabei grundlegende Unterscheidungen treffen, nämlich zwischeneiner transzendenten und einer immanenten Kritik der Perspektive. AmBeispiel der Anamorphose als einer transzendenten Kritik der Perspektive und derMalerei der Gegenwartskünstlerin Rebecca H. Quaytman als einer immanentenKritik der Perspektive lassen sich diese zwei Weisen der Perspektivkritik systematischunterscheiden und veranschaulichen. Diese Unterscheidung dient dazu, dieBedeutung der Perspektive in der ästhetischen Moderne zu überdenken, denn sieerlaubt es, die Zusammenhänge zwischen modernistischen Paradigmen der Selbstkritikund der perspektivischen Bildform neu zu konzipieren. Die Perspektive hältKapazitäten zur Reflexion und Selbstkritik bereit, deren Explikation im Momentder perspektivischen Form und Formatierung des Bildes und seines Bildträgerszum Tragen kommt.

Based on Erwin Panofsky’s »Perspective as a ›Symbolic Form‹« this article delineates howthe modern critique of perspective still remains committed to a perspectival logic. A nuancedconcept of ›critique‹ allows us to distinguish between a transcendent and an immanent critiqueof perspective. To systematically distinguish and illustrate these two approaches to criticize perspective,I want to examine two examples: Anamorphosis exemplifies a transcendental critiqueof perspective, while the paintings of contemporary artist Rebecca H. Quaytman represent animmanent critique of perspective. Perspective’s significance in aesthetic modernism can be rethoughtthrough this distinction as it can be utilized to re-conceptualize the relations between modernistic paradigms of self-critique and perspectival pictorial form. Perspective potentially contains in itself the possibilities for reflection and self-critique; through perspectival form and formatting of the picture and its material support.

Judith-Frederike Popp: Von der Kunst, sich fremd werden zu können

Der ästhetische Standpunkt als Korrektiv praktischer VernünftigkeitDer Beitrag folgt der These, dass die ästhetische Dimension des vernünftigenStandpunkts das zentrale Element einer angemessenen Perspektive darauf bildet,wie das Zusammenspiel von Rationalität und Irrationalität zur praktischen Selbstbestimmungals Person beitragen kann. Den Ausgangspunkt bildet eine Auseinandersetzungmit der Position, die normativen Implikationen praktischer Vernünftigkeitund Selbstbestimmung ließen sich aus einem abstrakten Moment derreflexiven Distanznahme ableiten. Der Blick auf Christine Korsgaards Version dieserIdee macht deutlich, dass die dabei aktualisierte Vorstellung des praktischenStandpunkts sowohl einer mangelnden methodologischen Reflexion anheimfälltals auch der Besonderheit irrationaler Handlungen und Erfahrungen nicht gerechtzu werden vermag. Der weitere Text zeigt auf, dass die Suche nach einer alternativenKonzeption, die beide Aspekte berücksichtigt, von einer Gegenüberstellungmit der Psychoanalyse profitiert, da diese in der Lage ist, die Philosophie auf dasoriginäre Potential zurückzuverweisen, das sie in ihren ästhetischen Perspektivenauf praktische Standpunkte zu entfalten vermag.

The article follows the hypothesis that the aesthetic dimension of the standpoint of reason providesthe main element for an appropriate perspective on how the interplay between rationalityand irrationality is able to contribute to practical self-determination as a person. The startingpoint is formed by the critical discussion of the position considering that it is possible to derivethe normative implications of practical reasonableness and self-determination from an abstractmomentum of reflective distance. Whilst taking a look at Christine Korsgaard’s version ofthis idea it becomes clear that it rests on a conception of the practical standpoint that suffersboth from a lack of methodological self-reflection and from neglecting the special features andpotentials of irrational actions and experiences. The following text shows how the search foran alternative conception, which takes both aspects into account, benefits from a comparisonwith psychoanalysis, since this discipline is able to methodologically refer philosophy back tothe original potential it unfolds in its aesthetic perspectives on practical standpoints.

Carolin Rocks: Praktiken zur Autonomie. Zu Moritz’ Über die bildende Nachahmung des Schönen

Karl Philipp Moritz’ Über die bildende Nachahmung des Schönen (1788) gilt als der autonomieästhetischeProgrammtext in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. DerAufsatz stellt diese ästhetikgeschichtliche Klassifikation nicht in Frage, zeigt aber,dass die im Kern unbestreitbar kunstmetaphysische Argumentation über ethischePraktiken begründet wird. Diese Praktiken nehmen in der Arbeit an der Autonomieeinen so entscheidenden Stellenwert ein, dass sich eine heteronomieästhetischeGrundierung der Moritz’schen Kunsttheorie aufweisen lässt. Diese tritt hervor,wenn man den Fokus darauf richtet, wie Ethik und Ästhetik zueinander insVerhältnis gesetzt werden: Moritz verpflichtet die autonome Kunst nicht einfachauf moralische Normen oder soziale Funktionen, modelliert aber den genialenKünstler als Praktiker, als ›Hand-Werker‹, dessen künstlerische Produktivität immerschon einem ›guten Leben‹ zuarbeitet. Der Aufsatz demonstriert, wie Moritz ineinem eigenwilligen Begriffsspiel mit dem Schönen und dem Guten ›Nachahmung‹neu entwirft als auf Moralität zusteuernde ästhetische Praxis. Diese praxeologischeGrundlage der Argumentation wirft zusätzlich ein neues Licht auf Moritz’ Rezeptionneuplatonistischer Philosopheme.

Karl Philipp Moritz’s »Über die bildende Nachahmung des Schönen« (1788) is regarded asone of the key texts of autonomous aesthetics from the late 18th century. This article doesnot challenge this classification. Instead, it argues that Moritz’s metaphysics of art is foundedupon ethical practices. These practices are so essential to his conception, that one can show thatit is also based on heteronomous aesthetics. This aspect of his argument emerges from how herelates ethics to aesthetics. Moritz does not simply reduce autonomous art to moral norms orsocial functions. Instead he portrays the ingenious artist as an artisan (›Hand-Werker‹) whoseaesthetic productivity serves a ›good life‹. This article therefore demonstrates how Moritz playswith the concepts of the beauty and the good in order to remodel mimesis as an aesthetic practicethat significantly contributes to morality. Finally, by emphasising this praxeological foundationof Moritz’s argument, one can also reconsider his reception of Neo-Platonism.

Jakob Steinbrenner: Warum es heute schwerer als früher ist, aktuelle Kunst zu verstehen.

Ausgehend von der Frage, ob es heutzutage schwieriger ist, Kunst zu verstehenals früher, wird dafür argumentiert, dass auch noch heute unser Kunstverständniswesentlich von Kants Geniebegriff geprägt ist, der beinhaltet, dass Kunstwerkezum Zeitpunkt ihres Entstehens in einem speziellen Sinne neu sein müssen. DieseNeuheit eines Werks zu entdecken, ist für uns heute jedoch schwieriger als früher.

Starting from the question of whether it is more difficult to understand art than it used to be,it is argued that even today our understanding of art is essentially shaped by Kant’s conceptof genius, which means that works of art must be new in a special sense at the time of theircreation. To discover this novelty of a work is more difficult for us today than it was in the past.

Dirk Westerkamp: Schriftbildakte. Begriff, Probleme, Beispiele

Der Beitrag diskutiert Elemente einer allgemeinen Theorie der Schriftbildakte.Er analysiert den sei es deskriptiven, expressiven oder performativen Handlungsmomentvon Schriftbildern. Besonderes Augenmerk liegt auf temporalen Schriftbildakten.In ihnen kommen zeitliche Praktiken (oder Chronotechniken) zumAusdruck, die entweder Handlung zeigen oder verlaufen lassen oder auf einenprägnanten Moment konzentrieren (Kairotechniken). Exemplifiziert werden dieseUnterscheidungen an konkreten Schriftbildwerken (Immendorfs, Kriwets undKleins). Zum Zweck ihrer Analyse schlägt der Aufsatz einen relationalen Bildbegriffvor, der nicht nur die Relationen des Bildanblicks und des Bildobjekts, sondernauch die der Bildzeit in ein triadisches Modell integriert.The essay discusses elements of a general theory of scriptural picture acts (SPAs). To thisaim, the descriptive, expressive, and performative aspects of action implied in those SPAsare distinguished. The analysis focusses on temporal SPAs. Temporal SPAs exhibit certaintemporal practices (or ›chronotechniques‹) which either depict action, perform action or concentrateaction into a kairotic moment (›kairotechnique‹). These distinctions are exemplifiedin the discussion of three specific SPAs (by Jörg Immendorf, Ferdinand Kriwet, and AstridKlein). However, since the analysis of SPAs implies the notorious and infamous question,what pictures/images are, the essay provides a triadic concept of images and pictorial installations:pictures are – in sum – threefold relations between an image view, an image object,and their pictorial temporality.


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