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Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft Band 61. Heft 1


Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft (ZÄK) 61/1. 2016. 167 Seiten.
0044-2186. Kartoniert
EUR 78,00


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Abstracts

René Boomkens: Smile or Die – On the Future of Cultural Studies

Aufstieg und Entwicklung der interdisziplinären akademischen Disziplin der Cultural Studies sind Teil eines breiteren cultural turn in den Geistes- und Sozialwissenschaften, der für eine Verabschiedung monokausaler und reduktionistischer Methodologien steht zugunsten komplexer, holistischer und dialektischer Analysen sozialer und kultureller Prozesse. In der sogenannten Kritischen Theorie hat dies zu einem Aufmerksamkeitswechsel geführt von ökonomischen und politischen Ursachen sozialer Ungleichheit und sozialer Kämpfe zur Beharrlichkeit und irreduziblen Komplexität kultureller Differenzen oder von Andersheit, belegt durch wichtige Studien über die Rolle des Nationalismus, der Ästhetisierung des Alltagslebens und des wachsenden Einflusses der neuen Medien auf Kommunikation und Imagination. Dieser cultural turn in den Geistes- und Sozialwissenschaften ist verbunden mit einem wachsenden Einfluss kultureller und zugleich post-politischer Formen von Macht im Alltagsleben, veranschaulicht durch die Dominanz der leistungsorientierten Kultur ›positiven Denkens‹ in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen, mit anderen Worten: einer neoliberalen Kultur und Ideologie. In den Kulturwissenschaften wird das historische Bewusstsein vom wachsenden Einfluss kultureller Macht kombiniert mit anthropologischer Forschung über die Besonderheiten gegenwärtiger Alltagskultur und einer starken Sensibilität für die Spannungen, Ungleichheiten und Widersprüche in dieser Kultur infolge der anwachsenden Globalisierung ihrer Bedingungen. Diese inter- oder transdisziplinäre Perspektive auf die Macht der Kultur kann schließlich nicht erfolgreich sein, ohne erneut seriös nachzudenken über die ästhetische Qualität oder Dimension der Alltagskultur und zugleich über den Bereich und die Substanz des Ästhetischen selber.

The rise and development of the interdisciplinary academic discipline of cultural studies is part of a broader cultural turn in the humanities and social sciences that represents a fare- well to mono-causal and reductionist methodologies in favor of a more complex, holistic and dialectical analysis of social and cultural processes. In so-called ‘critical theory’ this has led to a shift from economic and political sources of social inequality and struggles towards the persistence and irreducible complexity of cultural difference or otherness, evidenced by important studies of the role of nationalism, the aestheticization of everyday life or the growing influence of new media of communication and imagination. This cultural turn in humanities and social sciences is related to a growing influence of cultural and at the same time post-political forms of power in everyday life, exemplified by the dominance of a meritocratic culture of ‘positive thinking’ in different areas of society, or in other words: of a neoliberal culture and ideology. In cultural studies historical awareness of this growing influence of cultural power is combined with anthropological research into the specificities of contemporary everyday culture and with a strong sensibility for the tensions, inequalities and contradictions in that culture, due to an ever growing globalization of its conditions. This inter- or transdisciplinary perspective on the power of culture finally cannot do without a serious rethinking of the aesthetic quality or dimension of everyday culture – and at the same time a rethinking of the scope and substance of aesthetics itself.

Christian Ferencz-Flatz: Film in der frühen Phänomenologie

Die meisten historischen Darstellungen der Verhältnisse von Phänomenologie und Film nehmen ihren Ausgang von Aufsätzen Merleau-Pontys und Ingardens aus der Nachkriegszeit. Sie lassen dabei die Zeit vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs unberücksichtigt. Wenn nun aber in der »frühen Phänomenologie« in der Tat keine ausführlichen Analysen des Kinos zu finden sind, so fehlt es dennoch nicht gänzlich an Bezugnahmen darauf bei Autoren wie Husserl, Heidegger, Eugen Fink, Moritz Geiger, Felix Kaufmann oder Oskar Becker. Der vorliegende Aufsatz möchte die in den phänomenologischen Kreisen der Zwischenkriegszeit kursierende implizite Auffassung des Kinos rekonstruieren und gelangt so zu einigen Schlussfolgerungen bezüglich der vorwiegend konservativen Tendenzen der Phänomenologie.

Most historical accounts of the relations between phenomenology and film take their departure from essays written by Merleau-Ponty and Roman Ingarden after 1945. Thus, they completely ignore the period before the outbreak of World War II. However, if one indeed has difficulties finding any detailed analysis of cinema among the writings of “early phenomenologists,” the subject is nevertheless referred to by authors such as Husserl, Heidegger, Eugen Fink, Moritz Geiger, Felix Kaufmann or Oskar Becker. The present article attempts to reconstruct the implicit conception of cinema which circulated in the phenomenological movement during the interwar period and thus arrives at some significant conclusions regarding the conservative tendencies of phenomenology.

Isabel Hufschmidt: Negotiating the Absent – Alienation and the Institutionalized Shock

Bild und Vorstellung von Kultur hängen in hohem Maße davon ab, was wir unter anderem als Kunst wahrnehmen, auswählen und institutionalisieren. Dies ist einer der Bausteine der Konzeption von Kultur. Als anerkannte Ware mit geradezu transzendentalen Fähigkeiten, und damit unvergleichbar und fern von jeglicher anderen Art von Gütern, ist die Kunst erfolgreich darin, eine ganz auf sie ausgerichtete globale Kunstwelt zu bespielen. Das Abwesende zu verhandeln bedeutet in diesem Zusammenhang den Wunsch nach der Inszenierung eines Systems der Verklärung jenseits des Trivialen der Warenwelt, nach der Begegnung mit dem Schöpferischen. Somit sind die Mechanismen der Institutionalisierung innerhalb der Strukturen des Kunstbetriebs, wie wir ihn heute erfahren, das essentielle Vehikel dieser Verhandlungen. Dementsprechend sollen im vorliegenden Essay ebendieses System wie dessen Strukturen der Geltendmachung von künstlerischen Positionen als auch von Diskurs benannt werden, um schließlich den Status des »Schocks« als Thema wie auch soziale Form zu verstehen, wie dieser gleichsam Eingang in die Verhandlungen um »Weihung« im heutigen globalen Kunstbetrieb gefunden hat.

The image and imagining of culture are highly dependent on what we perceive, choose and institutionalize as art, as one of the building bricks in culture’s conception. As approved commodity with literally transcendent powers, art, thus incomparable and beyond any other kind of good, succeeded in serving an entire, increasingly globalized art world. Negotiating the absent, in this regard, is the wish for and the enactment of a system of transfiguration beyond the trivial of the good, encountering the “tracing” of creation. In this context, mechanisms of institutionalization within the structures of the art industry, as we are facing it nowadays, are the essential vehicle of these negotiations. Hence, in the present essay, that system and its structures of enforcement of artistic positions and discourse shall be denominated in order to comprehend the status of shock as subject and artistic as well as societal form which equally has found entrance to the negotiations of common “consecration” within the by now global “Kunstbetrieb.”

Burkhard Liebsch: Perspektivität, Pluralität, geteilte Welt – Ästhetik, Politik und menschliche Sensibilisierbarkeit in der Philosophie Jacques Rancières

Dieser Beitrag diskutiert die Politische Philosophie Jacques Rancières im Hinblick auf deren ›ästhetische‹ Grundlage, die sie in einer Theorie der »Teilung des Sinn- lichen« (partagedu sensible) hat. Es wird die Frage aufgeworfen, inwieweit die Vorstellung, die sich Rancière von dieser Teilung macht, über traditionelle Theorien der Perspektivität und politischer Pluralität hinausgeht. Im Zentrum der Evaluation dieses Ansatzes Politischer Theorie steht dabei die Frage nach kritischen Potenzialen einer politischen Sensibilisierung dafür, dass (und wie) wir in einer doppelsinnig »geteilten« politischen Welt leben.

This essay discusses Jacques Rancière’s political philosophy with respect to its ‘aesthetic’ basis that rests on a theory of the division of the sensible (partage du sensible). The author raises the question whether Rancières conception of this partage goes beyond traditional theories of perspectivity and political plurality. The evaluation of this approach of Rancière’s political theory focuses on critical potentials of a political sensitisation for the fact that (and how) we live in a shared and at the same time divided political world.

Stephanie Marchal: Julius Meier-Graefe und die plurale Logik der Bilder

Für den Kunstkritiker Julius Meier-Graefe (1867-1935) haben Bilder eine ganz eigene Logik, die sich nicht in Sprache übersetzen lässt. Ausgehend von dieser Prämisse denkt Meier-Graefe die Kunstgeschichte als interpiktoriales, sich selbst regulierendes Geflecht und bedient sich zur Vermittlung von Bildern selbst auf gleich zweifache Weise einer bemerkenswerten Bildlichkeit – sei es qua Plädoyer für oder Einsatz von Reproduktionen, sei es qua einer der ikonischen entsprechen- den somatischen Deixis: Indem er sich selbst in seiner physischen Reaktion auf ein Werk(erlebnis) Tableauartig in Szene setzt, kehrt er die Wirksamkeit von Bildgefügen hervor, macht sie visuell nachvollziehbar und aktualisiert deren Potential. Diesen Vorstellungen und Vorgehensweisen liegt, so die These des Beitrags, die Erfahrung musealer Präsentation und Rezeption zugrunde. Entwickelt wird eine »praktische Ästhetik«, die auch für aktuelle Interpiktorialitätsdebatten diskussionswürdige Ansätze bereithält.

In the opinion of the art critic Julius Meier-Graefe (1867-1935), pictures have a specific logic which is impossible to translate into spoken language. Given this premise, Meier-Graefe develops a specific theory of how art history constructs itself as an interpictorial, self-regulated reference system. Furthermore, in order to convey works of art, he operates with pictures and images in a remarkable way: on the one hand, he makes specific use of reproductions, on the other hand, he communicates via body language that parallels the iconic deixis: By describing and presenting himself in his texts in the physical act of perception and/or reception, he turns himself into a tableau and makes the effect as well as the potential of the artwork visible. The basis of these ideas and methods seems to be the modern experience of museum presentation and reception. Meier-Graefe develops a kind of “practical aesthetic” which can enrich the current debates on interpictoriality.

Birgit Mersmann: Ekphratische Schichtarbeit und die Ikonoklasmen der Übermalung in Heiner Müllers Bildbeschreibung

Das als poetisches Prosanarrativ verfasste Autodrama Bildbeschreibung (1984) von Heiner Müller kann als Respons auf Entwicklungen eines postdramatischen Bilder- und Medientheaters gelesen werden. Im Œuvre des Theaterautors Müller nimmt es einen zentralen intermedialen Stellenwert als performativer Seh-Text ein. Unter bildästhetischen Gesichtspunkten analysiert der Artikel, wie Bildbeschreibung die klassische Tradition der Ekphrasis adaptiert, um sie »überschreibend« zu transformieren. Die literarische Form und konkrete schriftstellerische Aktivität der Bildbeschreibung wird als ein intermedialer Übersetzungsprozess vorgestellt, bei dem das beschriebene Bild – eine Bühnenbildzeichnung – zunehmend mit Schrift bedeckt und somit schichtenweise »übermalt« wird. In einem close reading des geschriebenen (nicht inszenierten) Dramentextes werden die mehrschichtigen Verflechtungen zwischen Beschreibung, Betrachtung und Beobachtung im Detail dargelegt. Besonderes Augenmerk gilt dabei dem poetischen Verfahren der Übermalung als ikonoklastische Kollisionsbewegung zwischen Bildern – literarischen Bildern, Theaterbildern, Filmbildern und Kunstbildern. Am Ende steht die These, dass es sich bei Heiner Müllers Übermalungen in Bildbeschreibung um eine bildkritische Strategie des performativen Ikonoklasmus handelt, durch die einerseits der Surrogat- und Inszenierungscharakter von Bildern durchkreuzt, andererseits die Produktivkraft der imaginatio als ungebundener und unkontrollierter Bilderstrom freigesetzt werden soll.

The auto-drama Bildbeschreibung (1984), written by Heiner Müller in the form of a poetic prose, can be read as a response to the emergence of a post-dramatic theater of images and media. In the work of the playwright Müller, it plays a key role as a performance-related Sehtext (viewing text). Under the agenda of image aesthetics, the article explores how the theater text Bildbeschreibung adopts the classical tradition of ekphrasis in order to transform it by transcription. It discusses the literary form and activity of image description as a process of intermedial translation through which the described picture – a drawing of a stage setting – is continuously covered with writing and this way “overpainted” in layers. In a close reading of the written (not staged) dramatic text the multilayered entanglements between description, viewing and observation are exposed. A special focus is drawn on the poetic method of over- painting(Übermalung) as an iconoclastic collision between images – literary images, theater images, film images, and artistic images. The article conclusively argues that Heiner Müller’s overpaintings (Übermalungen) can be qualified as an image-critical strategy of performative iconoclasm by means of which the surrogate function and staging character of images can be crossed and suspended, but also the productive power of imaginatio as a free and uncontrolled stream of images can be activated.

René Thun: Kant und König über Schönheit – Eine sprachphilosophische Überlegung

Der Beitrag geht der Frage nach, inwiefern der kunstästhetische Ansatz Josef Königs eine Fortsetzung des Kantischen Ansatzes mit sprachphilosophischen Mitteln darstellt. Anknüpfungspunkt hierfür ist Kants Konzeption ästhetischer Ideen, für welche Begriffe – in ihrem metaphorischen Gebrauch – eine konstitutive Bedingung darstellen. Beide Autoren gehen vom freien Spiel der Erkenntniskräfte als grundlegendem Prinzip des kunstästhetischen Vollzugs aus. Während für Kant Schönheit jedoch unmittelbar aus einer Lust hinsichtlich der Anschauung resultiert, ist diese Lust bei König über die Zweckmäßigkeit der Beschreibungen ästhetischer Wirkungen vermittelt. Zweckmäßig ist eine Beschreibung einer ästhetischen Wirkung, wenn sie durch eine treffende Metapher ausgedrückt wird. Daher ist die interpersonale Geltung dieser Beschreibung wiederum nur mittels der Resonanz rekonstruierbar.

The article poses the question to what extend Josef Koenig’s aesthetic approach represents a continuation of the Kantian approach by means of philosophy of language. Its starting point is Kant’s notion of aesthetic ideas for which concepts – in their metaphorical use – are an indespensable condition. Both authors presuppose the free play of cognitive faculties as a foundational principle of aesthetic experience. While for Kant beauty immediately results from pleasure concerning a perception, for Koenig this pleasure is mediated by the purposiveness of a description of an aesthetic impression. A description is purposeful if it is expressed by an appropriate metaphor. Hence its interpersonal validity is only verifiable by resonance.