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Zeitschrift für Kulturphilosophie 2009/1: Präsenz


Zeitschrift für Kulturphilosophie (ZKph). 2013. 178 Seiten.
978-3-7873-2496-5. E-Book
EUR 19,99


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EDITORIAL

Semiotik und Zeichentheorie zielen statt auf die einfache Phänomenalität der Dinge auf die Bedeutungen, die wir ihnen beimessen. Strukturalismus und Poststrukturalismus analysieren die Ordnungen, denen die Verkettung des Symbolischen unterliegt, und entdecken, wie es Roland Barthes ausdrückte, im Sinn jene »Nebelschwaden«, die aus den »Lücken« zwischen den Signifikanten emporsteigen. Konstruktivismus und Systemtheorie beobachten allein das Geflecht der »Bezeichnungen« und »Unterscheidungen«, aus deren Negativität diejenigen Differenzen hervorgehen, die die Wirklichkeit des Wirklichen ausmachen. Schließlich fokussiert eine erweiterte Medientheorie auf die »Dazwischenkunft« einer Mediation, aus deren Mitte Raum, Zeit, Wahrnehmungen, Kommunikation und Gedächtnis allererst entspringen. Ihnen gemeinsam ist das, was man das »Apriori« der »Nicht-Präsenz« nennen könnte und dem auf die vielleicht radikalste Weise, wie es im Denken jemals versucht worden ist, Jacques Derrida mit seiner »Dekonstruktion« einen philosophischen Namen gegeben hat. Schon einmal hat die Philosophie, nämlich im Deutschen Idealismus und vor allem bei Hegel, den Begriff der »Vermittlung« ins Zentrum gerückt – Derrida buchstabiert ihn aus der »différance« neu, rekonstruiert zugleich ihren skripturalen und damit medialen Charakter und stellt alle Erfahrung ebenso wie alles Wissen in ihre Nachträglichkeit, die einzig zuläßt, in »Verweisungen« zu denken, die, wie es in der Grammatologie heißt, »auf Verweise verweisen«.
Demgegenüber bekundet sich seit einiger Zeit eine Opposition, die das Reale, die Gegenwärtigkeit der Gegenwart oder auch das Phänomenale und die »Existenz« erneut in Augenschein nimmt und als philosophische Begriffe zu rehabilitieren versucht. Ihre Spurensuche jenseits von Repräsentation und Dekonstruktion weist auf unterschiedliche, zuweilen disparate Richtungen: auf den Körper und die Stimme ebenso wie auf das Performative und das ästhetische Ereignis, aber auch auf das »Reale«, von dem Jacques Lacan gesagt hat, daß wir »zu ihm stets gerufen sind, das sich jedoch entzieht«, oder auf die Symptome und ihre Leiden, wie sie durch Verletzung und Traumata manifest werden und deren Präsenz kaum zu leugnen ist.
Am Eindringlichsten hat dies in jüngster Zeit Hans-Ulrich Gumbrecht in Diesseits der Hermeneutik formuliert, worin er, terminologisch unterschieden zwischen einer »Sinn-Kultur« und einer »Präsenz-Kultur«, die Erfahrungen des Hier und Jetzt des Ortes oder die Intensitäten des Da, wie sie in Erotik oder sportlichen Ereignissen zum Ausdruck kommen, gegen das hegemoniale Drama der Interpretation und die Effekte der Signifikation auszuspielen und zu verteidigen versucht hat.
Tatsächlich hat seither der Aufweis eines »anderen«, von der Arbeit der Hermeneutik und der Dekonstruktion nicht ohne weiteres betroffenen Terrains, das die Selbstverständnisse des Verstehens, des Symbolischen oder der Schrift zu destabilisieren oder sogar zu unterlaufen vermag, unterschiedliche Begründungen erfahren – sei es im Rekurs auf künstlerische Praktiken oder die Ästhetik des Undarstellbaren, sei es als nicht aufgehender »Rest«, als das »Überflüssige« und »Überschüssige«, das sich hartnäckig und unbotmäßig in die Inszenierungen des Sinns einmischt, oder sei es durch ein Unabgegoltenes oder Unverfügbares im Sinne jener elementaren »Vor-Gegebenheiten«, auf die die kulturellen Konstruktionen stets noch rekurrieren müssen. Womöglich zeichnen sich in ihnen die Konturen eines »postderridaschen Präsenzbegriffs« ab, der von der Kritik der »Gegenwart« als einer Grundfolie abendländischen Philosophierens unberührt bleibt – ein »postmetaphysischer Präsenzbegriff«, der nicht mit Zeugenschaft und Wahrheit konnotiert werden darf, sondern auf eine chronische Unerfülltheit des Diskurses und seiner Dekonstruktionen weist.
Die Beiträge unseres Schwerpunktes gehen auf einen Workshop am German Departement der University of Chicago zurück, der Anfang März 2008 unter dem Titel »Return to Presence« abgehalten worden ist. Sie nähern sich dem Realen und seiner Gegenwart von ganz unterschiedlichen Seiten: Hans-Ulrich Gumbrecht vom »Latenten« des Textes, das durchscheint, aber nicht explizit zu werden vermag; Slavoj Žižek mit listigem Doppelsinn des Titels »Psychoanalyse diesseits der Hermeneutik«; Mladen Dolar in seiner Lektüre von Italo Calvinos Ein König horcht hinsichtlich der Präsenz und Phantasmatik einer Stimme, die zugleich »sagt« und »singt«, und Eric Santner mit Blick auf das bloße, wuchernde »Fleisch«, das ein »somatisch Erhabenes« anzeigt, das von den säkularen Wissenschaften, die sich mit dem Körper beschäftigen, nicht beherrscht werden kann. Wie verschieden die Positionen auch sein mögen: Immer bleibt etwas, das sich der Bestimmung durch Begriff und Zeichen entzieht oder sich den Zurichtungen des Symbolischen widersetzt. (Dieter Mersch)