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Zeitschrift für Kulturphilosophie 2007/1: Fortschritt in den Kulturwissenschaften?


Zeitschrift für Kulturphilosophie (ZKph) 2007/1. 2007. 194 Seiten. Kartoniert
EUR 44,00


Abstracts


Winfried Fluck: „Die Kulturwissenschaft und die Pluralisierung von Anerkennungsansprüchen“


Kultur ist in modernen westlichen Gesellschaften zum Instrument einer Ausweitung von Geltungs- und Anerkennungsansprüchen geworden. Bereits Tocqueville hatte erkannt, daß mit dem Gleichheitspostulat moderner Gesellschaften auch das Problem einer Unterscheidung von anderen entsteht und damit eine Suche nach neuen Quellen der Anerkennung in Gang gesetzt wird. Kulturelle Formen haben sich dafür als besonders brauchbar erwiesen und die Kulturwissenschaft – insbesondere in ihrer angelsächsischen cultural studies-Variante – scheint ihre Aufgabe zunehmend darin zu sehen, dieser Pluralisierung Rechnung zu tragen. Dabei läuft sie Gefahr, gesellschaftliche Prozesse der Ausdifferenzierung lediglich nachzuvollziehen und sie unter der Hand zur stillschweigenden Norm zu erheben, anstatt sie zu reflektieren.


Culture has become a major instrument for expanding claims to recognition in modern societies. It was Tocqueville who first realized that the political ideal of equality would create new challenges to distinguish oneself from others. Cultural forms have proven especially useful for this purpose, and cultural science – especially the anglosaxon variety of cultural studies – seems to increasingly see its task in reinforcing and replicating these claims to recognition. In this way it run sthe risk of merely mimicking modern processes of differentiation and pluralization and elevating them to the level of a tacit norm, instead of analyzing them. This narrative of pluralization may thus be in need of reconsideration.


Gert Mattenklott: „Was heißt Fortschritt in den Kulturwissenschaften?“


Die Leitfrage des Beitrags gilt Konzeptionen von Entwicklung und Fortschritt in einigen exemplarischen Beiträgen zur Kulturgeschichtsschreibung aus dem 19. und 20. Jahrhundert: Theodor Mommsen, Andrea Carandini, Max Weber, Isaiah Berlin. In welchem Verhältnis stehen derartige Konzeptionen zum epistemologischen Selbstverständnis der Wissenschaftler im Rahmen von Wissenschaftstheorie und -geschichte? In kritischer Auseinandersetzung mit diesen Beispielen wird Ernst Cassirers Modell von Geschichtsschreibung als einer kulturelle Handlungswissenschaft zur Diskussion gestellt.


This essay explores concepts of evolution and progress in exemplary nineteenth and twentieth century contributions to cultural historiography: Theodor Mommsen, Andrea Carandini, Max Weber, Isaiah Berlin. How are such concepts related to the ways these scholars position themselves epistemologically within the theory and history of science? In a critical confontation with these examples Ernst Cassirer's model of historiography is discussed as a cultural science of action.


Herbert Schnädelbach: „Sprache als Thema und Medium der Philosophie“


Wenn heute von „postanalytischer Philosophie“ die Rede ist, scheint die Wendung zur Sprache (linguistic turn), die die Analytische Philosophie seit Russell und Wittgenstein vollzogen hatte, zurückgenommen und widerrufen zu sein, und in der Tat gewinnt der Rekurs auf „reine“, d.h. prälogische und vorsprachliche Bewußtseinstatsachen neue Attraktivität. Demgegenüber ist darauf zu bestehen, daß zumindest für die Philosophie die Sprache nicht nur das primäre Thema, sondern zugleich das unhintergehbare Medium ist, was man vor allem durch die Kritik am traditionell instrumentellen Sprachverständnis zeigen kann, die bis auf Herder und Humboldt zurückgeht. Das analytische Philosophieprojekt bleibt dann auch nach seiner imponierenden Selbstkritik als ein sprachkritisches Programm aktuell – als ein unentbehrlicher Aspekt philosophischer Aufklärung.


When people speak today of „postanalytic philosophy“, it seems as if the linguistic turn that analytical philosophy since Russell and Wittgenstein completed, has been taken back and reputiated, and in fact the return to a „pure“, i.e. prelogical and pre-linguistic consciousness of facts has gained new attractiveness. On the other hand, we must insist that for philosophy language is not only the primary issue, but also the medium that cannot go behind. This can be shown by criticism of the traditional instrumental understanding of language, that goes back to Herder and Humboldt. The analytical project of philosophy retains its currency as a program for the criticism of language, even after its impressive self-criticism, as an indispensable aspect of philosophical enlightenment.


Oswald Schwemmer: „Technologien des Geistes. Zur Medialität der symbolischen Formen“


Als „Technologien des Geistes“ lassen sich die verschiedenen Weisen verstehen, in denen die symbolischen Medien der Artikulation genutzt werden. Diese Medien sind kulturelle Gegebenheiten, deren innere Struktur in all unsere Artikulationsleistungen – in unsere Gefühle, Wahrnehmungen und Gedanken – eingeht. Versteht man in dieser Sicht unsere geistigen Leistungen als ein dynamisches Wechselverhältnis zwischen dem symbolischen Repertoire einer Kultur und dem individuellen Verhalten zu diesem Repertoire in unserer Artikulationsarbeit, dann können wir „Geist“ nur erforschen, wenn wir die Kultur, in der er sich formt, zur Kenntnis genommen haben.


„Technologies of mind“ can be understood as the different ways in which symbolic media are used to articulate thought. These media are given as facts in a culture, and their internal structure enters into all our acts of articulation – i.e. of our feeling, perceiving, and thinking. In this perspective our entire intellectual life can be regarded as a dynamic interplay between the symbolic repertoire of a culture and the way that individual behavior relates to this repertoire in the effort to it articulation. That is why we only can inquire into „mind“ after we have taken note of the culture within which it has formed.



Es lohnt sich, dieses 'schnittstellenheft' regelmäßig zu lesen, findet man doch genügend Anhaltspunkte für eine philosophisch fundierte Kulturrezeption. - Werbeslogan: 'Kultur auf den begriff gebracht'.
Das dosierte Leben Numero 61