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Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft Band 54. Heft 2


Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft (ZÄK) 54/2. 2009. 152 Seiten. Kartoniert
EUR 68,00


ABSTRACTS

Georg W. Bertram: Kunst und Alltag: Von Kant zu Hegel und darüber hinaus


Wenn man nach der Beziehung fragt, in der Kunst zum Alltag steht, gilt es, bei einer wegweisenden Einsicht Kants anzusetzen. Diese besteht in dem Gedanken, dass das Schöne die Erkenntnisfähigkeit des Menschen reflektiert. Dennoch, so lege ich dar, findet sich bei Kant kein zufrieden stellender Begriff einer ästhetischen Reflexion in diesem Sinn, da es Kant nicht gelingt, den Bezug der Reflexion zur objektiven Welt zu erhellen. Dies hingegen leistet Hegel, der allerdings seinerseits nicht der Vielfalt gerecht wird, in der Kunstwerke zu einer selbstbestimmten Lebensform bei- tragen. Dennoch findet sich bei Hegel ein Hinweis, wie man einen plausiblen Begriff ästhetischer Reflexion anlegen muß: Es gilt, die Reflexion als praktisch, nicht als kognitiv zu verstehen. Eine Erläuterung ästhetischer Reflexion in Begriffen praktischer Selbstbestimmung erlaubt es zu verstehen, dass zwischen dem Alltag und der Kunst keine Lücke klafft.

If one wants to determine the relationship between ordinary life and art one has to start with the groundbreaking Kantian insight that the beautiful reflects the working of the human faculties of the understanding. However, I argue that the Kantian conception of aesthetic reflection is not satisfying, for Kant doesn’t succeed in explaining the objective purport of the aesthetic reflection. I resort to Hegel to resolve this problem. But his explanation, too, falls short of grasping the multiplicity of ways in which works of art make a contribution to a self- determined way of life. However, in Hegel there is a hint how to deal with this problem: Re- flection has to be understood as practical and not as cognitive. A conception of aesthetic reflexivity in terms of practical self-determination allows grasping that there is no gap between ordinary life and art.

Bernadette Collenberg-Plotnikov: Moderne Ikonen – Die Präsenz des Undarstellbaren in der Kunst

›Ikonen‹ sind heute nicht mehr nur die Ikonen der christlichen Kirche, sondern vor allem die Ikonen der modernen Massenkultur. Beide Arten von Ikonen werden in der neueren Kunstreflexion aufgegriffen: Kunst gilt entweder, verstanden als Erbin der religiösen Ikone, als Phänomen, das Absolutes in singulärer Weise anschaulich er- fahrbar macht. Oder aber die Kunst gilt umgekehrt lediglich als Klasse in der Welt der säkularen Ikonen. Demgegenüber wird im Beitrag erstens die These vertretenwerden, daß die neuere Kunst sowohl Aspekte transzendenter als auch immanenter Ikonen umfaßt. Zugleich ist es aber, so die zweite These, für unser Kunstverständnis charakteristisch, ein theoretisches Kontrastverhältnis zwischen Kunst und Ikone an- zunehmen. Dieses gründet auf einer spezifischen Reflexivität der Kunst, durch die sie sich von der Ikone beiderlei Art kategorial unterscheidet.

Today, the word ›icon‹ usually no longer refers to the icons of the Christian church, but to the icons of the modern mass-culture. Both sorts of icons play a key-role in the recent discussion about art: Either art is supposed to be a descendant of the religious icon, a phenomenon that gives us a singular visual experience of the Absolute. On the other hand, art is supposed to be just one class among others in the wide world of the secular icons. In contrast to these two positions this essay contends that modern art comprehends aspects of transcendent as well as of immanent icons. Furthermore, it argues that at the same time it is characteristic for our notion of art to suppose a contrast between art and icon. This contrast is based on a specific reflectivity of art, which marks a categorical difference between art and both sorts of icons.

Josef Früchtl: George Clooney, Brad Pitt und ich, oder: Die schöne Illusion des Vertrauens

Vertrauen hat zunächst einmal eine fundamentale Funktion in der sozialen Sphäre. Dementsprechend fungiert es als philosophischer Terminus vor allem in der Politischen, der Sozial- und der Moralphilosophie. Aber auch in der neueren Soziologie und Psychologie ist es zentral. Im Verweis darauf kann man das Vertrauensverhältnis zwischen Zuschauer und Leinwandheld als parasozial bezeichnen, als eine Als-ob- Interaktion. Für die neuere Filmphilosophie spezifisch interessant ist demgegenüber das ontologische Vertrauen. Statt es mit Deleuze im Sinne einer Kino-Metaphysik zu erklären, scheint es angemessener, die verschiedenen fachspezifischen Antworten noch einmal unter Kants Spielkonzept zusammenzubinden. Ästhetische Erfahrungen bestärken uns in der Einstellung, so zu tun, als ob wir in die Welt Vertrauen haben könnten.

At first trust plays a fundamental role within the social sphere. Accordingly, trust serves as philosophical term above all in Political, Social, and Moral Philosophy. But it is also central in recent Sociology and Psychology. Referring to these disciplines, the relationship of trust be- tween viewer and hero on the screen can be called ›parasocial‹, as-if-interaction. In contrast, ontological trust is of particular interest for recent philosophy of film. Instead of explaining it, following Deleuze, in terms of a metaphysics of cinema it seems to be more adequate to com- bine the different subject-specific answers in Kant’s concept of play. Aesthetic experiences then are encouraging us in the attitude to act as if there could be trust in the world.

Gottfried Gabriel: Ästhetik und politische Ikonographie der Briefmarke

Die Briefmarke scheint ein so alltäglicher Gegenstand zu sein, daß ihr – von Motivsammlern einmal abgesehen – eine kunsthistorische oder gar ästhetische Aufmerksamkeit weitgehend versagt geblieben ist. Dabei hat Aby Warburg schon sehr früh die Briefmarke als ein Feld politischer Ikonographie erkannt, und auch von Walter Benjamin liegen Beobachtungen hierzu vor. Im Anschluß an frühere kulturgeschichtliche Arbeiten zur Bildersprache des deutschen Geldes untersucht der Vortrag am Bei- spiel der optischen Vergegenwärtigung des Brandenburger Tores auf Briefmarken der Weimarer Republik, des Dritten Reichs, der DDR und der Bundesrepublik die ästhetischen Darstellungs- und ikonographischen Propagandamöglichkeiten eines wenig beachteten Mediums.

Stamps are so familiar to us as everyday objects that we – with the exception of philatelists – are not used to considering their aesthetic value or their place in a history of art. They have therefore seldom been systematically investigated in this light. Nevertheless, these issues have been treated by some scholars. Aby Warburg, for instance, was one of the first to identify the importance of stamps for political iconography; and Walter Benjamin has also made insightful observations in this regard. This article takes up earlier work on the cultural history of the iconography of German money. It investigates exemplarily the presentation of the Brandenburg Gate on stamps of the Weimar Republic, the Third Reich, the GDR, and the Federal Re- public of Germany, in order to elucidate more generally aesthetic forms of representation and their exploitation for purposes of propaganda.

Konrad Paul Liessmann: Die schönen Dinge – Über Ästhetik und Alltagserfahrung

Ist von der Ästhetisierung der Lebenswelt die Rede, meint man damit in der Regel alle Versuche, den Alltag zu verschönern und mit Kunst, Design und ästhetischen Reizen anzureichern. Es gibt aber auch eine ästhetische Dimension des banalen Alltags selbst. Im ersten Teil des Aufsatzes wird die These vertreten, daß zwei Aspekte diese Ästhetik des Alltags wesentlich bestimmen: Das Ästhetische ist im Alltag entweder flüchtig und peripher oder es ist das Gewohnte und ständig Präsente. Entweder es ist überraschend, läßt sich aber nicht festhalten, oder es umgibt uns ständig, hat seinen Reiz aber längst verloren. In beiden Fällen kommt es zu keiner starken ästhetischen Erfahrung, sondern zu flüchtigen ästhetischen Empfindungen, die zwischen Spannung und Langeweile, Interesse und Desinteresse, Aufmerksamkeit und Ignoranz schwanken. Im zweiten Teil wird untersucht, was es bedeutet, wenn anspruchsvolle ästhetische Konzepte, wie sie etwa der Kunst zugrunde liegen, mit dem Alltag konfrontiert werden. Kunst kann dabei entweder als eine Möglichkeit, den Alltag zu unterbrechen, aufgefaßt werden, oder sie wird in den Alltag integriert. Dann aber unterliegt sie dessen Gesetzen und kann nur mehr peripher wahrgenommen werden. Als entscheidende Kategorie der Alltagsästhetik wird sich aber das Schöne erweisen.

When we talk about making the everyday world more aesthetically pleasing, we generally mean all attempts to enrich daily life with art, design and aesthetic aspects. But there also is a certain aesthetic dimension to the banality of daily life. In the first part of the essay, I suggest that two aspects dominate aesthetics in daily life: Beauty is in everyday life either short-term and peripheral or is that to which we are used and which is omnipresent. Either it is surprising but ungraspable or it is always with us but has long since lost its allure. In both cases it does not result in a strong aesthetic experience but in short-term aesthetic sensitivities that alternate between excitement and boredom, interest and disinterest, attention and ignorance. In the second part of the essay I examine what it means if demanding aesthetic and artistic concepts are confronted with everyday life. Art can either be seen as interrupting daily life or can be integrated into the ordinary. Then art must follow the rules of the ordinary and can only be perceived as peripheral. Still, beauty emerges as a decisive category in the aesthetics of everyday living.

Mirjam Schaub: Der Horror des Alltäglichen – Das Spiel mit dem Unerträglichen im Genrefilm und die verblüffenden Ähnlichkeiten zwischen Monstern und Liebhabern

Horror – das ist der Einbruch von etwas Unerträglichem. In vielen Filmen nimmt er Ausgang in gewöhnlichen, oft idyllisch gezeichneten Alltagszenen: Bei David Lynch etwa taucht in Blue Velvet ein abgeschnittenes Ohr auf einer frisch gemähten Wiese in einer adretten Vorstadtsiedlung auf. Im Folgenden möchte ich der Frage nachgehen, ob das Alltägliche – statt als Kontrastfolie gegenüber dem Einbruch des Entsetzlichen zu dienen – nicht selbst Brutstätte von Unerträglichkeit sein könnte. Was , wenn der als däuende Wiederholung empfundene Alltag selbst auf verschwiegene Weise die Leinwandmonster und deren Exzesse gebiert, als Gegengift und Weckmittel gegen die Lethargie und Leblosigkeit, die ganz gewöhnliche Menschen in ihrem ganz alltäglichen Leben befällt? Erweist sich dieses Motiv als stimmig, treten über die Genre-Grenzen hinweg überraschende strukturelle Gemeinsamkeiten zwischen Horrorfilm und seinem scheinbaren Antipoden, der romantischen Komödie, zu Tage.

Horror – that is the invasion of something unbearable. In many films its starting point is a common, even idyllic every-day-scene: in David Lynch’s Blue Velvet, we see an ear lying on a freshly mowed lawn which is surrounded by an immaculate white fence. In the following I raise the question if the common place could be seen as the breeding ground for the unbearable rather than serving as a contrast to the invasion of it. What if the endless repetition of every- day-life itself quietly generates the monsters and their excesses as a kind of antidote and wake- up-call for the lethargy and lifelessness which creeps upon ordinary people in their ordinary lives? Should this motif work, then one finds rather surprising structural common features across the genre boundaries such as from a horror film to its apparent antipode, the romantic comedy (Pretty Woman meets Norman Bates).

Ludger Schwarte: Ästhetik als Ideologie des schönen Alltags

Ludwig Wittgenstein fand die Auffassung, Ästhetik sei die Wissenschaft vom Schönen, lächerlich, da sie sonst auch erklären müsse, welche Sorte Kaffee gut schmecke. Diese Auffassung kehrt in der neueren Alltagsästhetik, mit Öko-Chic verhübscht, zurück. Mein Text versucht zu klären, welcher Zusammenhang zwischen dem Begriff des Alltags und der Wissenschaft vom Schönen besteht, zweitens den Anspruch dieses dominanten Verständnisses von Ästhetik durch kunstphilosophische Argumente zu begrenzen und drittens den Blick auf Produktionsweisen von Alltäglichkeit und deren Abhängigkeit von Produktionsverhältnissen zu richten, in denen die Ästhetik eine unverzichtbare Legitimationsinstanz darstellt. Was ist die Funktion der Ästhetik in der Produktion von Alltäglichkeit?

Ludwig Wittgenstein found the conception of aesthetics as science of beauty ridiculous, because if that were the case, it would also have to explain which sort of coffee tastes well. This conception returns in the new aesthetics of the everyday, tuned up with eco-chic. My paper tries to explain how the concept of the everyday and that of a science of beauty are related; second, it intends to limit the claims of this dominant conception of aesthetics by arguments derived from the philosophy of art; and third, it wants to turn the attention to ways of production of the everyday, in which aesthetics is necessary to provide legitimacy. What is the function of aesthetics in the production of the everyday?

Karen van den Berg und Markus Rieger-Ladich Anschauen, Benutzen, beschmutzen – Schularchitekturen und andere ästhetische Dispositive

Die verstärkte Aufmerksamkeit, die Dingen und Artefakten neuerdings entgegengebracht wird, hat in der Folge dazu geführt, dass immer häufiger auch die Architekturen von Schulgebäuden auf ihre Effekte hin befragt werden. Dabei zeigt sich jedoch, dass es theoretisch wenig befriedigend ist, diese lediglich als sog. »dritte Erzieher« zu betrachten. Um deren Wirkungen zu erklären, werden häufig Anleihen bei ästhetischen Modellen gemacht. Diese Form der Interpretation versuchen wir in unserem Beitrag zu problematisieren, indem wir die ästhetischen Positionen Martin Seels und Jacques Rancières einander gegenüberstellen und diskutieren. Wie sich Schularchitekturen künftig interpretieren lassen, ohne von schlichten Wirkungsannahmen auszugehen und ohne die Gruppe ihrer »Benutzer« zu unterschlagen, zeigen wir abschließend an ausgewählten Beispielen.

An increasing theoretical interest in the world of artefacts on the part of the humanities and the social sciences has caused a number of research projects on the effects of school architecture. However, it turned out to be dissatisfying to examine exclusively the space as a so-called »third educator«. In order to interpret the impact of school buildings various studies are using patterns of analysis which are common in the fields of art history and aesthetics. The paper studies these models of interpretation and confronts them with the positions of Martin Seel and Jacques Rancière. By means of two selected examples we show how school buildings could be analyzed without taking simplistic assumptions about their impact and suppressing the diversity of user communities.