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Vorlesung über Die gesamte Philosophie oder die Lehre vom Wesen der Welt und dem menschlichen Geiste

Teil 4: Metaphysik der Sitten


Herausgegeben von Daniel Schubbe
Philosophische Bibliothek 704. 2017. Unter Mitarbeit von Judith Werntgen-Schmidt und Daniel Elon. . L, 285 Seiten.
978-3-7873-3179-6. Kartoniert
EUR 28,90


In Anlehnung an die Struktur des vierten Buches der Welt als Wille und Vorstellung entwickelt Schopenhauer im vierten Teil der Vorlesung ein breites Spektrum an Themen, die von Fragen der allgemeinen Ethik, der Metaethik, der Willensfreiheit bis hin zur Rechtsphilosophie und Auseinandersetzung mit einzelnen Religionen reichen. Schopenhauer lehnt eine normative Ethik ab – es ist vielmehr sein Bestreben, die Tatsache der ethischen Bedeutsamkeit des Handelns oder des moralischen Bewusstseins zu deuten und zu erklären.


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Die Vorlesungsmanuskripte Schopenhauers sind ein wichtiger, aber wenig beachteter Teil seines Gesamtwerkes. Die im Sommersemester 1820 an der Universität Berlin gehaltene Vorlesung über „Die gesamte Philosophie oder die Lehre vom Wesen der Welt und dem menschlichen Geiste“ bietet nicht weniger als eine von Schopenhauer ergänzte und didaktisch aufbereitete Variante der Welt als Wille und Vorstellung, die nicht nur einen guten Einstieg in sein Gesamtwerk ermöglicht, sondern auch durch Hinweise auf andere Werke und Manuskripte sowie durch Ergänzungen und Anmerkungen einen vertiefenden Blick auf seine Philosophie ermöglicht. Die Studienausgabe legt nach mehr als hundert Jahren erstmals eine eigenständige Edition vor, die auf den letzten Überarbeitungsstand Schopenhauers bezogen einen vollständigen und lesefreundlichen Text bietet. Die Neuausgabe beginnt mit dem vierten Teil „Metaphysik der Sitten“. Es folgen die „Metaphysik des Schönen“, die „Metaphysik der Natur“ und schließlich die „Theorie des Vorstellens, Denkens und Erkennens“. Der letztgenannte, erste Band der Ausgabe wird ergänzt durch die „Probevorlesung: Über die vier verschiedenen Arten der Ursachen“ (1820) – bei der es zu dem berühmten kurzen Disput mit Hegel kam –, die „Declamatio in laudem philosophiae“ (1820) und den Beginn der „Dianoiologie“ (1821). Damit werden lange vergriffene, aber wichtige Werkstücke der Philosophie Schopenhauers sukzessive wieder zugänglich gemacht.

Bei der „Metaphysik der Sitten“ handelt es sich um den abschließenden vierten Teil der Vorlesung über „Die gesamte Philosophie“. Wie der Titel „Metaphysik der Sitten" anzeigt, ist dieser Abschnitt mehr als eine Ethik im geläufigen Sinn des Wortes. Es soll die „Tatsache des moralischen Bewusstseins“ erklärt werden, dass wir, obwohl wir egoistisch veranlagt sind, ein schlechtes Gefühl haben, wenn wir auf Kosten anderer Vorteile erlangen. Schopenhauer lehnt es ab, eine normative Ethik zu formulieren.

Methodisch ist er einem explanatorischen Ansatz verpflichtet, der eine Erklärung auf der Grundlage phänomenologischer Beschreibungen und Phänomendeutungen anstrebt. Seine Metaphysik ist damit eine betont immanente, die empiristische, hermeneutische und phänomenologische Elemente richtungsweisend zu einem neuen Theoriekonzept verbindet. Für den Bereich der Ethik und Moral ermöglicht es dieser Ansatz, ein breites Spektrum an Themen zu entwickeln und die „Tatsache des moralischen Bewusstseins“ in seine vielfachen Verästelungen zu verfolgen und zu erläutern. Schopenhauer gelingt es so, Fragen der allgemeinen Ethik, der Metaethik, der Willensfreiheit, der Rechtsphilosophie bis hin zur Auseinandersetzung mit einzelnen Religionen zu verknüpfen und wechselseitig zu beleuchten.

Zudem wird eine Reihe von Phänomenen wie Reue, Gewissensqual, Güte, Egoismus und Mitleid präzise beschrieben und in ihrer Bedeutung für das moralische Handeln dargestellt. Entgegen dem kantischen Ansatz eröffnet Schopenhauer einen Blick auf den Bereich des Moralischen, der die Auseinandersetzung mit Gefühlen und dem Triebhaften und damit die konkrete menschliche Existenz in den Mittelpunkt stellt.